Auf den ersten Blick ein völlig gewöhnliches Schwarz-Weiß-Foto einer New Yorker Straße: Union Square in Brooklyn, 1936, Schilder mit „KINGS BEER', „RUPPERT BEER', „CANADA DRY', ein Zeitungskiosk und eine Menge Passanten mit Hüten. Genau dieses Foto wurde, laut Styler mit Verweis auf die Daily Express, zum Auslöser einer neuen Welle an verschwörungstheoretischen Diskussionen: Im Bild hält einer der Männer einen Gegenstand ans Ohr, der verblüffend einem modernen Mobiltelefon ähnelt, und sieht so aus, als würde er ein lebhaftes Gespräch führen – fünf Jahrzehnte bevor tragbare Mobilgeräte offiziell erfunden wurden. Die Details analysiert Styler.

Das Foto von Union Square: Was die Zuschauer sahen

Laut den Anhängern von Verschwörungstheorien ist das Detail im Vordergrund des Fotos ein „unwiderlegbarer Beweis' für Zeitreisen: Ein Mensch im Jahr 1936 soll ein Gerät benutzen, das erst Ende des 20. Jahrhunderts erscheinen sollte. Skeptiker hingegen bieten deutlich prosaischere Erklärungen für dasselbe Bild. Mit hoher Wahrscheinlichkeit, so merken sie an, könnte der Mann lediglich den Kopf gekratzt haben, eine Taschenuhr oder ein Hörgerät in der Hand gehalten haben – Geräte, die in jenen Jahren bereits verbreitet waren und deren Form bei einem flüchtigen Blick auf ein Archivbild tatsächlich an ein kompaktes Telefon erinnern kann.

Filmsequenzen von 1938 und die Version mit Dupont

Die Diskussionen wurden auch durch Archivfilmsequenzen aus dem Jahr 1938 befeuert: Im Video geht eine Gruppe von Menschen auf die Kamera zu, und eine junge Frau spricht offensichtlich, während sie ein rechteckiges Objekt fest an ihr Ohr drückt. Das Rätsel wurde, so die Behauptung des Artikels, unerwartet „gelöst' von einem YouTube-Nutzer mit dem Pseudonym Planetcheck, der erklärte, dass auf dem Film seine Urgroßmutter Gertrude Jones zu sehen sei. Laut ihm war die Frau zum Zeitpunkt der Aufnahme 17 Jahre alt und arbeitete in einer Fabrik des Industrieriesen Dupont im Bundesstaat Massachusetts. Das Unternehmen habe, so seine Behauptung, eine Abteilung für Telefonkommunikation gehabt und drahtlose Telefone getestet; Gertrude und fünf weiteren Frauen seien diese Geräte für eine Woche zu Testzwecken ausgehändigt worden, und im Video spreche sie mit einem der Wissenschaftler, der rechts außerhalb des Bildes gehe.

Ein Gemälde von 1670 und der „iPhone' in der Hand des Protagonisten

Ein weiteres „beeindruckendes Fundstück', so Styler, verbirgt sich in der Welt der klassischen Kunst. Auf einem Gemälde des niederländischen Malers Pieter de Hooch, gemalt im Jahr 1670, ist eine gemütliche häusliche Szene abgebildet, doch die Aufmerksamkeit moderner Zuschauer zog der Mann rechts auf sich: Er hält in der Hand ein Objekt, das in Form, Größe und Haltemodus wie ein moderner iPhone aussieht. Kunsthistoriker sind jedoch überzeugt, dass es mit höchster Wahrscheinlichkeit ein gewöhnlicher Brief oder ein kleines Buch ist, und die erstaunliche visuelle Ähnlichkeit mit dem Gadget machte das Gemälde zu einem der Lieblingsargumente der Verschwörungstheoretiker. Zuvor berichtete Styler auch über einen Fall, in dem ein Enkel einen „modernen Smartphone' in den Händen seines Großvaters-Soldaten auf einem alten Foto entdeckte.

Widersprüchliche Daten

Die Hauptinkonsistenz in allen drei Fällen liegt in der Interpretation derselben visuellen Reihe. Verschwörungstheoretiker lesen in den Aufnahmen und auf dem Gemälde einen direkten Beweis für Zeitanomalien: Ein Mensch aus der Vergangenheit soll Technologie der Zukunft nutzen. Skeptiker und Fachleute (Kunsthistoriker und im Fall des Videos auch die „familiäre' Version von Planetcheck) bieten Alternativen an: eine Geste des Kopfkratzens, eine Taschenuhr oder ein Hörgerät auf dem Foto von 1936; drahtlose Testtelefone von Dupont auf den Filmsequenzen von 1938; und ein Brief oder ein Büchlein auf dem Gemälde von 1670. Wichtig ist, dass die Version mit Dupont sich auf die Aussage eines YouTube-Nutzers über verwandtschaftliche Beziehungen zur Protagonistin stützt, was keine unabhängige dokumentarische Bestätigung darstellt; ebenso wie die „Erkennung' eines Smartphones auf alten Aufnahmen nicht durch eine technische Bildanalyse gestützt wird. Somit koexistieren beide Standpunkte: Der eine baut eine Erzählung über Zeitreisen, der andere auf banale Erklärungen, und keine der Seiten liefert einen entscheidenden, allgemein anerkannten Beweis.

Warum solche Aufnahmen weiterhin „aufgedeckt' werden

Wie aus dem Material hervorgeht, tauchen solche Funde regelmäßig im Netz auf und lösen jedes Mal einen neuen Zyklus von Diskussionen aus: Das Gehirn des Zuschauers neigt dazu, ein vertrautes Bild zu ergänzen, wenn die Kontur eines Objekts auf einem alten Bild nur entfernt an ein modernes Gadget erinnert. Genau deshalb werden Archivfotos, Filmsequenzen und sogar Gemälde des 17. Jahrhunderts zu „Lieblingsargumenten' der Verschwörungstheoretiker, während die rationale Erklärung – vom Hörgerät bis zum Brief in der Hand des Protagonisten – in der Regel einfacher ist und keine postulierte übernatürliche Mechanismen erfordert. Am Ende bleibt das „Rätsel' von Union Square, wie auch die anderen beiden Geschichten, im Bereich der visuellen Interpretation und nicht im Bereich des bestätigten Faktums.