Während westliche Länder nach Beginn des umfassenden Krieges russische Diplomaten und Geheimdienstmitarbeiter massenhaft auswiesen, fand ein Teil von ihnen eine neue, unerwartete Operationsbasis. Laut westlichen Geheimdiensten und dem ukrainischen Nachrichtendienst wurde Japan zu einem Schlüsselzentrum für die Beschaffung von Technologien für die russische Rüstungsindustrie.

Die Situation verschärfte sich, nachdem ukrainische Experten feststellten: Etwa 90 % der russischen Raketen und Drohnen enthalten Komponenten japanischer Herkunft. Dies machte Tokio zum Hauptziel einer geheimen Abteilung des Hauptnachrichtendienstes (GRU) – der 20. Abteilung, die sich auf die Suche und Lieferung kritischer Technologien unter Umgehung von Sanktionen spezialisiert hat.

Ein Spion im Büro einer Fluggesellschaft

Im Zentrum der Ermittlungen stand der GRU-Offizier Maxim Filtschenkow. Offiziell ist er als Mitarbeiter der russischen Fluggesellschaft „Aeroflot“ registriert, doch Journalisten ermittelten, dass er genau die Beschaffungsnetzwerke in Japan leitet. Sein Büro befindet sich in Tokio nur zehn Minuten Fußweg von der Zentrale der Nationalpolizeibehörde Japans entfernt, die für die Aufklärung von Spionageskandalen zuständig ist.

Journalisten versuchten mehrmals, mit Filtschenkow zu sprechen, doch er lehnte Kommentare ab. Bei seinem letzten Besuch übermittelte er durch eine Büroangestellte, dass er nicht bereit sei, zu sprechen. Quellen zufolge sucht der Offizier aktiv nach Partnern unter japanischen Logistikunternehmen, um komplexe Lieferketten über Drittländer zu organisieren.

Logistik zur Umgehung von Sanktionen

Eine der Schlüsselfiguren in diesem Schema ist das Logistikunternehmen Proco Air. Es befasst sich mit dem Transport von Gütern in Länder, in die „Aeroflot“ fliegt – insbesondere nach Sri Lanka und Usbekistan. Von dort aus können die Waren laut Ermittlungsergebnissen nach Russland umgeleitet werden.

Der Inhaber von Proco Air bestreitet jegliche Verbindungen zum russischen Geheimdienst und behauptet, dass das Unternehmen nur erlaubte Güter transportiert. Allerdings fanden Journalisten Dokumente, die die Zusammenarbeit des Unternehmens mit der russischen Firma „R-Pharm“ bestätigen, deren Gründer unter westlichen Sanktionen steht.

Japanische Chips in russischen Raketen

Beweise für die Arbeit dieses Netzwerks tauchten auf dem Schlachtfeld auf. Nach dem Angriff einer russischen Ch-101-Rakete auf ein Wohnhaus in Kiew stellten ukrainische Ermittler unter den Trümmern elektronische Komponenten japanischer Herkunft fest. Der Export solcher Teile nach Russland ist offiziell verboten.

Diese Funde veranlassten Kiew, Tokio regelmäßig diplomatische Noten zu übermitteln. Allein im April 2025 übergab das ukrainische Außenministerium japanischen Kollegen mindestens acht offizielle Dokumente mit einer Liste verbotener Teile, die in Raketen und Drohnen nach Angriffen auf ukrainische Städte gefunden wurden. Die Ukraine fordert Tokio auf, die Exportkontrolle zu verschärfen, doch Japan hat bisher keine Maßnahmen gegen Filtschenkow ergriffen.

Die japanische Regierung erklärt ihre Zusammenarbeit mit westlichen Verbündeten zur Stärkung der Kontrolle, und lokale Unternehmen versichern, alle Sanktionen einzuhalten. Dennoch funktioniert das russische Netzwerk zur Beschaffung von Technologien laut westlichen Geheimdiensten weiter.

Neue Horizonte: Flugkraftstoff

Die Aktivitäten des russischen Geheimdienstes in Japan beschränken sich nicht auf Elektronik. Zuvor berichtete RBK-Ukraine, dass Russland plant, Flugkraftstoff über ein Netzwerk von Vermittlern aus Japan zu importieren. Laut Reuters ist der Kreml zu diesem Schritt aufgrund von Treibstoffproblemen nach ukrainischen Angriffen auf russische Raffinerien gezwungen.

So baut Russland unter dem Deckmantel von Geschäft und Diplomatie weiterhin komplexe Lieferkanäle auf, die für die Kriegsführung notwendig sind, und nutzt dabei den neutralen Status Japans sowie Lücken in der internationalen Kontrolle.