In der russischen Buchverlagswelt entbrennt ein großer Skandal im Zusammenhang mit der strafrechtlichen Verfolgung von Mitarbeitern eines der bekanntesten Verlage – Popcorn Books. Die Ermittlungsbehörden haben ein Verfahren gegen ehemalige Redakteure und Führungskräfte des Unternehmens sowie Manager des Konglomerats „Exmo-AST' eingeleitet. Grundlage der Anklage waren die Ergebnisse einer operativ-ermittlerischen Maßnahme, die zur in absentia-Verhaftung der Beschuldigten und zur Beschlagnahme ihrer Vermögenswerte führte.
Der Kern der Anklage: Von der „Gelben Liste' bis zum Extremismusartikel
Laut den vom Medium „Mediaszona' veröffentlichten Akten wurde das Strafverfahren nach einer „Kontrollkauf'-Operation eingeleitet. Im Frühjahr 2025 organisierten Mitarbeiter der für die Bekämpfung des Extremismus zuständigen Abteilungen den Kauf eines Buches in einem Einzelhandelsgeschäft. Besonderheit der Operation war, dass die Käufer zwei minderjährige Bürgerinnen waren.
Nach dem Erwerb des Werkes wurde eine umfassende linguistische und psychologisch-pädagogische Gutachtenerstellung angeordnet. Die Sachverständigen kamen zu dem Schluss, dass der Text des Buches Informationen enthält, die der Gesundheit und Entwicklung Minderjähriger schaden und darauf abzielen, nicht-traditionelle sexuelle Einstellungen zu formen. Genau dieser Schluss war entscheidend für die Qualifikation der Handlungen der Verleger.
Überlebensstrategie des Verlags
Die Ermittlungen ergaben, dass das Management von Popcorn Books nach der Verschärfung der Gesetzgebung Ende 2022, als ein vollständiges Verbot der Propaganda nicht-traditioneller sexueller Beziehungen eingeführt wurde, ein internes Klassifizierungssystem für Produkte entwickelte, um Risiken zu minimieren.
Das Sortiment wurde in zwei Kategorien unterteilt:
- „Rote Liste': Bücher, deren Verkauf auf dem Territorium der Russischen Föderation vollständig eingestellt wurde. Diese Werke sollten für den Export und den Verkauf im Ausland bestimmt werden.
- „Gelbe Liste': Werke, deren rechtlicher Status einer zusätzlichen Bewertung bedurfte. Der Handel damit im Inland wurde vorübergehend fortgesetzt, doch genau diese Kategorie wurde zur Ursache der Probleme.
Genau ein Buch aus der „Gelben Liste' wurde im Rahmen der operativen Überprüfung erworben. Die Ermittler hielten den Verkauf solcher Literatur an Minderjährige für einen Beweis der Beteiligung an der Tätigkeit einer verbotenen Organisation.
Rechtliche Qualifikation und Folgen
Der Untersuchungsausschuss der Russischen Föderation qualifizierte die Handlungen der Amtsträger gemäß Artikel 282.2 des Strafgesetzbuches der Russischen Föderation (Organisation der Tätigkeit einer extremistischen Organisation). Diese Qualifikation steht in direktem Zusammenhang mit der Entscheidung des Obersten Gerichtshofs der Russischen Föderation vom November 2023, die das „internationale LGBT-Bewegung' als extremistisch anerkannte und ihre Tätigkeit verbot.
Als Beschuldigte im Verfahren fungieren mehrere ehemalige Redakteure und Führungskräfte von Popcorn Books sowie Manager der Abteilungen für belletristische Literatur des Konglomerats „Exmo'. Da sich einige der Beteiligten zum Zeitpunkt der Einleitung des Verfahrens außerhalb Russlands aufhielten, wählte das Gericht als Haftmaßnahme die in absentia-Haft. Alle wurden in den föderalen und internationalen Fahndungsstatus versetzt.
Zusätzlich wurden im Rahmen der Sicherstellung des Strafverfahrens durch das Gericht die ermittelten Vermögenswerte und Immobilien der Beschuldigten, die sich auf dem Territorium der Russischen Föderation befinden, beschlagnahmt. Diese Entscheidung unterstreicht die Ernsthaftigkeit der Ermittlungen und das Ausmaß der Folgen, mit denen die Akteure des Buchmarktes konfrontiert wurden.