Der finnische Präsident Alexander Stubb hat eine weitreichende Aussage zur aktuellen Lage an der Front getätigt. Nach seiner Einschätzung befindet sich die Ukraine erstmals seit Beginn der großangelegten Invasion in ihrer besten militärischen Position. In einem Interview mit der Schweizer Zeitung NZZ, das von RBC-Ukraine veröffentlicht wurde, enthüllte der finnische Staatschef Details, die seiner Meinung nach einen Wechsel im Kräfteverhältnis belegen.
Die Mathematik auf dem Schlachtfeld
Stubb unterteilte den Verlauf des Krieges in drei Schlüsselphasen. Das erste Jahr charakterisierte er als eine Zeit des Kampfes ums Überleben. Die folgenden drei Jahre verliefen unter dem Zeichen der Prüfung auf Widerstandsfähigkeit. Doch nun, so der Präsident, ist die Situation in die Phase der „Mathematik auf dem Schlachtfeld' übergegangen.
Diese Einschätzung basiert auf konkreten Zahlen zu Verlusten und Rekrutierung. Stubb behauptet, dass die monatlichen Verluste der russischen Armee etwa 35.000 Personen betragen, während Moskau lediglich 27.000 neue Kämpfer rekrutieren kann. Dieser Ungleichgewicht ist nach Ansicht des finnischen Führers ein fundamentaler Faktor, der Kiew den Vorteil verschafft.
Historische Perspektive und Tempo des Vorrückens
Um die Ineffizienz der russischen Kriegsanstrengungen zu verdeutlichen, zog Stubb einen historischen Vergleich zum Zweiten Weltkrieg. Er erinnerte daran, dass die sowjetische Armee vier Jahre benötigte, um den Weg von Moskau nach Berlin zurückzulegen – eine Distanz von etwa 1600 Kilometern. Im Vergleich dazu haben die russischen Truppen im laufenden Konflikt in einem ähnlichen Zeitraum nur etwa 60 Kilometer vorgerückt.
Dieser Kontrast beweist nach Ansicht des finnischen Präsidenten die Überlegenheit der Ukraine und die Unfähigkeit der russischen Armee, ihre strategischen Ziele kurzfristig zu verwirklichen.
Gefahr für Artikel 5 und die innere Lage in Russland
Auf die Bedenken westlicher Partner bezüglich einer möglichen Überprüfung des Artikels 5 der NATO (kollektive Verteidigung) durch Russland nach dem Ende des Krieges in der Ukraine reagierte Stubb mit Skepsis. Er stellte die rhetorische Frage: Wozu sollte Russland die Bündnisverpflichtungen testen, wenn es die Ukraine in vier Jahren nicht erobern konnte?
Der finnische Präsident räumte die Möglichkeit hybrider Provokationen durch Moskau ein – Cyberangriffe oder Sabotageakte –, schloss jedoch kinetische militärische Provokationen aus. „Die Menschen müssen sich einfach beruhigen. Ich verstehe die öffentlichen Debatten, aber ich sehe alle Geheimdienstberichte – ich lese sie sehr aufmerksam', betonte er.
Zur inneren Lage in Russland erklärte Stubb, dass die Mehrheit der Bevölkerung derzeit gegen den Krieg ist. Dies werde, so seine Worte, durch ukrainische Drohnen- und Raketenangriffe tief im russischen Territorium, einschließlich der Richtungen auf Moskau und Sankt Petersburg, sowie durch Internetbeschränkungen begünstigt. Der Präsident stellte fest, dass die Blockade der Messengerdienste Telegram und WhatsApp durch Wladimir Putin begonnen hat, das reale Leben der Russen negativ zu beeinflussen.
Verhandlungsstrategie
Alexander Stubb sprach sich für einen Dialog mit der russischen Führung aus, stellte jedoch eine harte Bedingung: Verhandlungen sind nur möglich, wenn Russland keine starke Position einnimmt. Er forderte Europa zudem auf, sich zu überlegen, ob die aktuelle US-Außenpolitik den Interessen des Kontinents entspricht, und im Bedarfsfall eigenständig zu handeln.
Nach Ansicht des finnischen Staatschefs sollte der erste Schritt ein Dialog im Namen der Europäischen Union sein. Sollte dieses Format nicht funktionieren, könnte man auf das E3-Format (Frankreich, Deutschland, Großbritannien) oder andere diplomatische Initiativen umsteigen. Zuvor hatte Stubb bereits erklärt, dass er bereit sei, die Verhandlungen der EU mit Russland bei Bedarf persönlich zu leiten.