Der finnische Präsident Alexander Stubb gab in einem Interview mit der Financial Times eine mutige Einschätzung der aktuellen Situation im russisch-ukrainischen Konflikt ab. Seiner Meinung nach befindet sich die Ukraine derzeit in der besten Position seit Beginn des Krieges. Dies wurde durch die Intensivierung der Angriffe tief in russisches Territorium ermöglicht, was die Kräfteverhältnisse radikal verändert hat.
Überlegenheit auf dem Schlachtfeld
Stubb betonte, dass die Verbündeten, einschließlich der USA, die Realität erkennen: Kiew dominiert auf dem Schlachtfeld. Der finnische Staatschef unterstrich, dass die Ukraine den Höhepunkt ihrer Möglichkeiten erreicht hat – nicht nur militärisch, sondern auch politisch und finanziell. Genau dieser Wandel hat das ausgelöst, was Stubb als „besorgniserregende Aktivität“ in Russland bezeichnete.
Die Offensive der russischen Armee hat sich, laut dem finnischen Experten, verlangsamt und ist in eine Phase blutiger Stellungskämpfe mit enormen Verlusten übergegangen. Im Juni verlor Russland laut Daten der Black Bird Group etwa 9 Quadratkilometer Territorium in der Ukraine. Dies sind die ersten Netto-Territorialverluste Russlands seit 2023.
Veränderung der öffentlichen Meinung in Russland
Der Kernpunkt von Stubbs Analyse ist, dass Russland den Krieg nicht allein aufgrund von Verlusten an der Front beenden wird. Vielmehr geht es um eine fundamentale Veränderung der öffentlichen Meinung innerhalb des Landes, die bereits stattfindet. Der finnische Präsident ist überzeugt, dass alle NATO-Führer die Bedeutung der aktuellen Strategie Kiews und die Notwendigkeit erkennen, den Druck weiter zu erhöhen.
Strategischer Wandel und die nukleare Frage
Laut Stubb hat die Kampagne der Tiefenangriffe der Ukraine das strategische Denken der USA verändert und die Verhandlungsposition Kiews gestärkt. Zuvor hatten China und einige NATO-Verbündete wegen des Eskalationsrisikos Bedenken gegenüber Langstreckenangriffen geäußert. Doch während eines Treffens mit dem chinesischen Außenminister Wang Yi erhielt der Präsident eine klare Antwort: Eine nukleare Eskalation ist inakzeptabel.
Der Weg in die NATO
Die Frage des NATO-Beitritts der Ukraine wurde auf ein mögliches Waffenstillstandsabkommen verschoben, doch Stubb schlug eine Alternative vor: Die Integration der ukrainischen Verteidigungsindustrie in den Bündnisapparat ist der schnellste Weg, um das Land dem Beitritt näherzubringen. „Hätte ich die Wahl, würden wir die Ukraine sofort zum NATO-Mitglied machen“, erklärte er und fügte hinzu, dass der Bund die Ukraine genauso braucht wie die Ukraine den Bund.
Zur Erinnerung: Ende Juni unterzeichnete der finnische Präsident Änderungen im Atomgesetz, die den Transit von Atomwaffen durch das Land erlauben. Stubb betonte jedoch, dass Finnland ein vollwertiges NATO-Mitglied ohne Einschränkungen sein muss, plante aber nicht, Atomwaffen auf eigenem Territorium zu stationieren.