Die globale Logistik-Karte erfährt fundamentale Veränderungen. China und Kasachstan haben eine massive Erweiterung der Internationalen Transportroute Transkaspisches Meer (ITR), auch bekannt als Mittlerer Korridor, angekündigt. Diese Route, die Asien und Europa über Kasachstan, das Kaspische Meer, Aserbaidschan, Georgien und die Türkei verbindet, soll eine Alternative zum traditionellen Transit über russisches Territorium werden.

Umgehungsstrategie und Investitionsvolumen

Die Gründe für die Umleitung der Warenströme liegen auf der Hand. In offiziellen Mitteilungen werden explizit „Toxizität, Sanktionsanfälligkeit und Unzuverlässigkeit Russlands' als Schlüsselfaktoren genannt, die Peking dazu bewegen, sichere Alternativen zu suchen. Darüber hinaus strebt China an, Risiken im Zusammenhang mit instabilen Seerouten zu minimieren.

Obwohl die Logistik entlang des Mittleren Korridors aufgrund der Notwendigkeit, Eisenbahntransporte mit Seefähren zu kombinieren und Zollverfahren in fünf Ländern zu durchlaufen, komplexer ist, überwiegt das wirtschaftliche Interesse die Schwierigkeiten. Die Gesamtlänge der Route beträgt mehr als 4.250 km, wobei der längste Abschnitt durch Kasachstan führt.

Zur Umsetzung der ehrgeizigen Pläne hat der nationale Betreiber „Kasachstanische Eisenbahnen' (KTZ) ein Investitionsprogramm angekündigt. Bis 2030 plant das Unternehmen, rund 10 Milliarden US-Dollar in die Modernisierung der Eisenbahn-, Hafen- und Terminalinfrastruktur zu investieren.

Infrastruktureller Sprung: Neue Strecken und Flotte

Die Entwicklungsstrategie umfasst konkrete Ingenieurprojekte. Bereits 2026 ist der Bau von 900 km neuer Eisenbahnstrecken geplant. Besonderes Augenmerk wird auf den Abschnitt Ayagoz – Bachtı gelegt, wo etwa 300 km Schienen verlegt werden sollen. Dies wird die Schaffung einer dritten Eisenbahnverbindung zwischen Kasachstan und China ermöglichen.

Von der Umsetzung dieser Projekte wird erwartet, dass sie die Durchgangskapazität der Route von derzeit 55 Millionen Tonnen auf 100 Millionen Tonnen Fracht jährlich bis 2030 erhöhen werden.

Erhebliche Mittel werden auch zur Lösung der Probleme am Kaspischen Meer bereitgestellt. Um logistische Engpässe zu beseitigen, investiert KTZ mehr als 100 Millionen US-Dollar in den Bau von sechs neuen Frachtschiffen. Sie werden den Transport zwischen den Häfen Aqtöbe, Kuryk und Baku sicherstellen und den Transit über das Gewässer beschleunigen.

Finanzierung durch IPO und Leistungssteigerung

Um Kapital anzuziehen, bereitet sich das Unternehmen auf eine Börsengänge (Initial Public Offering, IPO) im Jahr 2026 vor. Ein Börsengang an den Börsen von London, Hongkong und Kasachstan ist möglich. Die eingeworbenen Mittel sollen in die Modernisierung des Rollmaterials und die weitere Entwicklung der Transportrouten fließen.

Die Dynamik der Transporte zeigt bereits Wachstum: Die Volumina stiegen von 2,76 Millionen Tonnen im Jahr 2023 auf 4,48 Millionen Tonnen im Jahr 2024. Im Jahr 2025 betrug der Wert 4,12 Millionen Tonnen. Allein im ersten Quartal 2026 verließen etwa 173 Containerzüge die Route. KTZ rechnet damit, dass die Anzahl der Züge bis Ende des Jahres 600 erreichen wird und im Jahr 2027 um weitere 67 % steigen könnte.

Geopolitische Folgen für Russland

Laut Analysten birgt der Vollbetrieb der ITR erhebliche Risiken für die russische Wirtschaft. Russland könnte endgültig seine Rolle als wichtigster Landtransitkorridor zwischen Asien und Europa verlieren, was zu erheblichen finanziellen Verlusten führen würde.

Die Situation wird durch die aktuelle militärische Lage verschärft. Am 29. Mai berichtete der ukrainische Geheimdienst, dass die Verteidigungskräfte weiterhin Angriffe auf logistische Routen russischer Truppen im Süden der Ukraine durchführen. Insbesondere wird die Landverbindung zwischen dem besetzten Krim und den besetzten Gebieten der Region Donezk beeinträchtigt, und feindliche Militärausrüstung wird in Hinterlandbereichen zerstört, was den Transit durch die RF für internationale Partner noch weniger attraktiv macht.