Der ehemalige Bürgermeister von Odessa, Gennadi Truchanow, reagierte in einem Interview mit RBC-Ukraine auf die Vorwürfe, er habe der Ukrainisierung der Stadt vorgeworfen. Der ehemalige Beamte wies diese Behauptungen kategorisch zurück und erklärte, dass er diesen Prozess niemals gebremst habe. Er forderte jedoch dazu auf, die Geschichte und kulturellen Realitäten der Stadt ganzheitlich zu betrachten und nicht durch die Brille vereinfachter Interpretationen.
„Günstling der Kaiserin' und kultureller Code
Als Hauptargument führte Truchanow das Beispiel von Denkmälern an, die die Stadt immer noch schmücken. Er wies auf die Nachbarschaft des Denkmals für Alexander Puschkin und Duc de Richelieu hin. Laut dem ehemaligen Bürgermeister waren diese Figuren Zeitgenossen, und Richelieu, als Untertan des Russischen Reiches und „Stadthauptmann', hinterließ einen tiefen Eindruck in der Geschichte Odessas.
„Wir sind stolz darauf, dass er bei uns war', betonte Truchanow und wies darauf hin, dass die historische Zugehörigkeit der Herrscher kein Grund sein sollte, ihren Beitrag aus dem Gedächtnis der Stadt zu tilgen.
Kritik an zeitgenössischer Kunst und Fehlen von Alternativen
Ein separater Teil des Gesprächs widmete sich der zeitgenössischen Kultur. Gennadi Truchanow kritisierte scharf zeitgenössische Künstler und stellte fest, dass sie in mehr als 30 Jahren Unabhängigkeit der Ukraine keinen qualitativ hochwertigen Inhalt geschaffen haben, der eine würdige Alternative zur Klassik darstellen könnte.
Der ehemalige Bürgermeister stellte rhetorische Fragen zum musikalischen und poetischen Erbe: „Hat jemand auch nur ein Lied über Odessa geschrieben? So eines, bei dem man weint, wenn man es hört?'. Er drückte seine Enttäuschung darüber aus, dass sich die Gesellschaft anstatt neue Meisterwerke zu schaffen, auf Vorwürfe gegenüber dem Alten konzentriert hat.
Russische Sprache als „DNA' der Stadt
Ein besonderes Augenmerk im Interview lag auf dem landesweiten Verbot russischsprachiger Musikprodukte. Truchanow erinnerte daran, dass die traditionellen Odessa-Lieder, die Teil der Eigenart der Stadt geworden sind, auf Russisch geschrieben wurden.
„Wir haben heute Lieder auf Russisch verboten... Das ist unsere Geschichte. Das ist unsere DNA. Das ist unsere Eigenart', erklärte der ehemalige Bürgermeister und stellte die Logik eines vollständigen Verzichts auf das über Jahrhunderte geprägte kulturelle Erbe in Frage.
Kontext gesetzlicher Beschränkungen
Die Worte Truchanows fielen vor dem Hintergrund des Gesetzes „Über die Änderung einiger Gesetze der Ukraine zur Unterstützung des nationalen Musikprodukts', das am 7. Oktober 2022 in Kraft trat. Das Dokument verbietet die öffentliche Aufführung und Übertragung von Werken von Künstlern mit russischer Staatsbürgerschaft.
Rechtsanwälte erklären, dass das Gesetz keine Verantwortung für das private Hören von Musik vorsieht. Für die öffentliche Wiedergabe an öffentlichen Orten wie Cafés oder Geschäften ist jedoch eine Strafe von 170 Hrywnja vorgesehen. Dabei haftet das Unternehmen, nicht der Besucher.
Zu beachten ist, dass in Odessa im Rahmen der Prozesse der Derussifizierung und Dekommunisierung bereits eine Reihe von Denkmälern abgebaut wurden. Gleichzeitig bleibt die weitere Zukunft des Denkmals für Alexander Puschkin in der Stadt Gegenstand aktiver öffentlicher Debatten.