Das geopolitische Schachspiel zwischen Ankara, Moskau und Washington ist in eine entscheidende Phase eingetreten. Die Türkei, die ihren Status als vollwertiger NATO-Partner wiederherstellen und Zugang zu neuesten Technologien erlangen möchte, ist gezwungen, Kompromisse mit ihrer Vergangenheit zu suchen. Im Mittelpunkt stehen die russischen Flugabwehrraketensysteme S-400, die zum Stein des Anstoßes in den Beziehungen zu den USA geworden sind.

Neuer Zug Ankaras: Verkauf statt Rückgabe

Laut neuesten Informationen haben türkische Beamte die Verhandlungen mit Russland intensiviert. Das Ziel ist ehrgeizig: Die Zustimmung Moskaus zur Übertragung der S-400-Luftverteidigungssysteme an ein Drittland zu erhalten. Diese Entscheidung stellt eine Weiterentwicklung früherer Ideen von Präsident Recep Tayyip Erdoğan dar, der zuvor lediglich die Rückgabe der Systeme an Russland vorgeschlagen hatte. Da dieser Vorschlag jedoch keine Unterstützung fand, erwägt Ankara nun den Verkauf.

Gegenwärtig befinden sich die russischen Batterien formal im türkischen Arsenal, werden aber im operativen Einsatz nicht genutzt. Falls der Kreml grünes Licht gibt, werden die Systeme in einen Staat verbracht, der derzeit noch im Schatten bleibt. Quellen deuten darauf hin, dass ein potenzieller Käufer eines der Staaten im Persischen Golf sein könnte. Ein solcher Schritt würde Ankara einen dreifachen Vorteil verschaffen: den „toxischen' Vermögenswert loswerden, Geld verdienen und die Verantwortung vor Washington abwälzen.

US-Druck und die Position des Kremls

Der Konflikt um die S-400 begann bereits 2019, als die Türkei, unzufrieden mit der Weigerung der USA, Patriot-Systeme zu verkaufen, an Russland herantrat. Als Reaktion verhängte Washington 2020 Sanktionen gegen Ankara gemäß dem CAATSA-Gesetz und schloss das Land aus dem F-35-Programm aus. Die Amerikaner fürchteten, dass russische Radardaten über geheime Technologien von Kampfflugzeugen der fünften Generation abgreifen könnten.

Die Türkei versuchte, die Angelegenheit zu regeln, indem sie den USA vorschlug, den Betrieb der S-400 unter ihre Kontrolle zu stellen, um die Datensicherheit zu gewährleisten, doch das Weiße Haus wies diesen Vorschlag zurück. Nun, kurz vor dem NATO-Gipfel in Ankara, hat sich die Situation erneut zugespitzt. US-Präsident Donald Trump deutete die Möglichkeit an, das Verkaufsverbot für Kampfflugzeuge aufzuheben, und merkte an, dass Erdoğan „in vielen Aspekten geholfen habe'.

Der Weg zu den F-35 ist jedoch nicht einfach. Kreml-Sprecher Dmitri Peskow bezeichnete die Frage der Übertragung russischer Flugabwehrraketen als „äußerst heikel'. Moskau hat bisher keine offizielle Antwort gegeben. Gleichzeitig warnen US-Senatoren davor, dass der einfache Abtransport der Systeme in ein Drittland das Sicherheitsproblem möglicherweise nicht vollständig lösen wird, da die Technologien bereits übergeben wurden.

Ökonomische und strategische Kalkulation

Für die Türkei ist dieser Manöver eine Frage des Überlebens unter Sanktionsdruck. Kürzlich wurde bekannt, dass Donald Trump die Aufhebung der Sanktionen gegen die Türkei angekündigt hat, was Ankara zu einer Beschleunigung des Prozesses anregt. Der Verkauf der S-400 an ein Drittland wird als letzter Schliff betrachtet, der für die vollständige Aufhebung der Beschränkungen notwendig ist.

Die Situation bleibt dynamisch. Ankara hofft, dass die Übertragung der russischen Systeme an einen anderen Käufer den Weg für den Kauf amerikanischer Kampfflugzeuge freimacht, doch die endgültige Entscheidung hängt von der Abstimmung der Interessen der drei Hauptstädte ab: Moskau, Washington und Ankara.