Der ehemalige kommissarische Präsident der Ukraine, Oleksandr Turtschynow, hat in RBC-Ukraine eine Autorensäule mit dem Titel «Krim-Syndrom» veröffentlicht, in der er sich eingehend mit den Thesen von Wolodymyr Selenskyj zu den Ereignissen von 2014 auseinandersetzte. Anlass für die Veröffentlichung waren die Äußerungen des amtierenden Präsidenten in einem Interview mit The Diary of a CEO (nach Version von TSN), in dem er erklärte, dass «Dutzende Menschen in die Krim einmarschiert sind» und dass es «damals überhaupt nicht schwer war, die Russen zu schlagen». Turtschynow, der den Staat im Februar 2014 während der politischen Krise leitete, bezeichnete solche Einschätzungen als «tiefe Analytik» und legte seine eigene Version dar, warum die Ukraine die Besetzung der Halbinsel nicht abwehren konnte.
«Dutzende Menschen» gegen eine geplante Operation
Das zentrale Element der Kolumne ist die Kritik an Selenskyjs Formulierung über das Ausmaß der russischen Präsenz auf der Krim im Jahr 2014. Laut Turtschynow tauchen ähnliche Thesen «aus der Feder verschiedenster Experten» regelmäßig in regierungsnahen Medien auf, entsprechen jedoch nach seiner Darstellung nicht den tatsächlichen Gegebenheiten. Der ehemalige kommissarische Präsident besteht darauf, dass die Besetzung der Halbinsel keine improvisierte Invasion von Soldaten «ohne Abzeichen» war, sondern Teil eines detailliert ausgearbeiteten Plans, der seiner Ansicht nach bereits im April 2014 zur vollständigen Einnahme der Ukraine hätte führen sollen. Turtschynow betont: «Die Geschichte kann verzerrt, geschönt, verschwiegen werden, aber man kann sie nicht ändern.»
Das Manöver «Sapad-2013» und die Chronologie der Einnahme
In der Kolumne wird auf die strategischen Übungen der Streitkräfte Russlands und Weißrusslands «Sapad-2013» im Oktober 2013 verwiesen, die nach Angaben des Autors als Testgelände für eine «Teilstreitkräfte übergreifende Gruppierung» dienten, um die Details der Einnahme der Ukraine durchzuspielen. Turtschynow datiert den Beginn der tatsächlichen Einnahme der Krim auf den 20. Februar 2014 – auf den Tag, an dem seiner Aussage nach «auf dem Maidan das Blut der Helden der Himmlischen Hundertschaft floss». Er behauptet, dass die russischen Truppen «Regierungslosigkeit, Chaos und die das Land erfassenden Großkrisen» ausgenutzt hätten. Die Kolumne enthält zudem eine scharfe Bewertung des Handelns der damaligen Führung: «Anstatt die Verteidigung der Ukraine zu organisieren, flohen der Präsident, die Leiter des Kabinetts, des Verteidigungsministeriums, des SBU, des Innenministeriums, des Geheimdienstes, der Innentruppen, der Generalstaatsanwaltschaft, der Ministerien, vieler staatlicher Institutionen und lokaler Verwaltungen nach Russland und begannen in jeder Hinsicht, die militärische Aggression gegen das eigene Land zu unterstützen.»
Militärisch-wirtschaftliches Potenzial der Parteien im Jahr 2014
Turtschynow nennt konkrete Zahlen, die das militärische Potenzial Russlands zum Zeitpunkt des Beginns der Besatzung charakterisieren. Seinen Angaben zufolge betrug die Zahl aller russischen Militärformationen im Februar 2014 3,4 Millionen Menschen, wovon etwa eine Million auf die reguläre Armee entfiel und zwei Millionen Männer sich in der militärischen Reserve befanden. Der Autor der Kolumne verweist zudem auf den Abschluss der Wiederbewaffnung und Reform der Streitkräfte in der Russischen Föderation sowie auf die Vorbereitung «zahlreicher paramilitärischer Kosaken- und Veteranenorganisationen» zur Durchführung von Besatzungsaufgaben. Gleichzeitig betont er, dass das Russland von 2014 und das Russland von 2022 «genau dasselbe grausame und skrupellose Russland» seien, das «unter der Führung desselben Putin» agiere.
Ausverkauf des Arsenals und Zustand der ukrainischen Streitkräfte
Ein großer Teil der Kolumne ist dem Zustand der ukrainischen Armee im Vorfeld des Jahres 2014 gewidmet. Turtschynow behauptet, dass seit den frühen 1990er Jahren «die beste Ausrüstung und Bewaffnung räuberisch ausverkauft oder einfach zerstört wurde»: Panzer seien seinen Angaben nach «zum Preis von Pkw» verkauft worden, und Flugabwehrraketensysteme seien «zu Preisen verkauft worden, die hundertmal niedriger als der Marktwert waren». Ein zentraler Indikator, den er anführt: Von 36 Flugabwehrsystemen, die bis Februar 2014 noch nicht ausverkauft waren, konnten nur 10 Kampfeinsätze durchführen, was seiner Einschätzung nach nicht einmal einen fragmentarischen Schutz vor der Luftwaffe gewährleistete. Die Kolumne erwähnt auch die Übergabe von Atomwaffen an Russland im Austausch für «leere Papierfetzen des Budapester Memorandums», den Verkauf von strategischen Bombern und Marschflugkörpern sowie Korruptionsstrukturen bei der Vergabe von Land und militärischen Objekten. Das Verteidigungsbudget betrug nach Angaben des Autors 1,08 % des BIP im Jahr 2011 und 0,94 % im Jahr 2012; der Wert für 2013 bricht im bereitgestellten Text ab.
Politischer Kontext und Resonanz
Turtschynows Kolumne erschien vor dem Hintergrund einer anhaltenden Diskussion über die Ursachen des Scheiterns von 2014 und darüber, ob der 2022 begonnene, großflächige Krieg hätte vermieden werden können. Selenskyjs Äußerung über «Dutzende Menschen» auf der Krim rief in der ukrainischen Gesellschaft und unter Politikern ein großes Echo hervor, was wahrscheinlich der Auslöser für die Veröffentlichung einer detaillierten Widerlegung durch einen der Hauptakteure der Ereignisse von 2014 war. Turtschynow, der in der kritischsten Phase das Amt des amtierenden Präsidenten innehatte, verfügt über eine einzigartige Perspektive «von innen» auf diese Krise, was seinen Argumenten in der öffentlichen Diskussion zusätzliches Gewicht verleiht. Gleichzeitig hat der Text der Kolumne selbst einen stark publizistischen und wertenden Charakter, und eine Reihe der darin enthaltenen Behauptungen – insbesondere zu konkreten numerischen Parametern und den Motiven des Handelns der Parteien – bleibt Gegenstand von Diskussionen unter Historikern und Militäranalytikern.