In Kiew hat die Erste Deutsch-Ukrainische Verteidigungs- und Sicherheitskonferenz stattgefunden, die von der Deutsch-Ukrainischen Industrie- und Handelskammer (AHK Ukraine) anlässlich ihres 10-jährigen Bestehens organisiert wurde. Auf einer Podiumsdiskussion erklärte die ukrainische Vizeverteidigungsministerin Hanna Hwozdjar, dass das Ministerium an der Ausweitung der Zusammenarbeit mit deutschen Rüstungsunternehmen, der Entwicklung der gemeinsamen Produktion und der Gewinnung von Finanzmitteln für den ukrainischen Rüstungskomplex arbeitet. Ihren Worten nach wurden vor einigen Jahren noch lediglich Möglichkeiten der Interaktion diskutiert, während heute bereits konkrete gemeinsame Produktionsprojekte umgesetzt werden, die skaliert werden müssen. Vertreter von Regierungsstrukturen, der Rüstungsindustrie und der Handelskammern beider Länder nahmen an der Veranstaltung teil.

Vom Dialog zur gemeinsamen Produktion

Ein Hauptakzent der Konferenz lag auf dem Übergang von der deklaratorischen Ebene zur industriellen. Hwozdjar betonte, dass die Ukraine bereit ist, Technologien und im Zuge von Kampfhandlungen gewonnenen Kampferfahrung mit europäischen Partnern zu teilen. Genau diese praktische Erfahrung wird nach Einschätzung Kiews zu einem Wettbewerbsvorteil bei der Markteinführung gemeinsamer Produkte. Die deutsche Seite bestätigte ihrerseits das Interesse: AHK-Chef Rainer Perau hatte zuvor angemerkt, dass die Bundeswehr modernisiert wird und das Geschehen auf dem ukrainischen Schlachtfeld genau verfolgt, was die Nachfrage nach kampferprobten Lösungen stimuliert.

Was für die Skalierung nötig ist: Verträge, Finanzierung und Risikoabsicherung

Um bestehende Projekte in den Massenproduktionsmodus zu überführen, sind nach Angaben der Vizeiministerin mehrere Bedingungen erforderlich. Zuallererst langfristige Verträge, die den Unternehmen Planbarkeit und Volumensicherheit geben. Zweitens eine direkte Finanzierung von Gemeinschaftsunternehmen. Drittens eine Kriegsrisikoversicherung, die die Barriere für Privatinvestoren abbaut, die unter Konfliktbedingungen arbeiten. Viertens schnellere Verfahren der technologischen Zusammenarbeit, die es ermöglichen, keine Zeit mit bürokratischen Abstimmungen zu verlieren. Die Gesamtheit dieser Mechanismen soll nach Einschätzung Kiews punktuelle Initiativen in eine nachhaltige industrielle Kooperation verwandeln.

Zwei neue Instrumente: Digitaler Marktplatz und zinsgünstige Kredite

Auf der Konferenz wurden zwei praktische Instrumente zur Unterstützung der Rüstungsbranche vorgestellt. Das erste ist der digitale Marktplatz DOT-Chain Defence, der es militärischen Einheiten ermöglicht, die benötigte Ausrüstung eigenständig auszuwählen, wodurch die Abstimmungskette zwischen Auftraggeber und Hersteller verkürzt wird. Das zweite ist ein zinsgünstiges Kreditprogramm, das darauf abzielt, dass Unternehmen des Rüstungskomplexes Mittel zur Erweiterung und Modernisierung ihrer Produktionskapazitäten einwerben können. Beide Mechanismen sind darauf ausgelegt, den Zyklus vom Bedarf einer Einheit bis zum gelieferten Produkt zu beschleunigen und der Branche eine zugängliche Kapitalquelle zu verschaffen.

Kontext: 10 Jahre AHK Ukraine und die Position Berlins

Die Konferenz war Teil der Feierlichkeiten zum 10-jährigen Jubiläum der AHK Ukraine – einer Struktur, die im vergangenen Jahrzehnt als Brücke zwischen der deutschen und ukrainischen Wirtschaft, einschließlich des Rüstungssegments, fungiert hat. Die Wahl des Themas Verteidigung und Sicherheit für die Jubiläumsveranstaltung spiegelt eine Verschiebung in der Agenda der Kammer wider: Konzentrierte sich ihre Arbeit früher auf das zivile Geschäft, ist die Rüstungskooperation nun zu einem der vorrangigen Bereiche geworden. Die visuelle Gestaltung der Veranstaltung – Logos deutscher Industrie- und Rüstungsunternehmen auf der Bühne – unterstreicht, dass genau große Branchenakteure und nicht nur Wirtschaftsverbände in den Dialog einbezogen sind.

Breiterer Trend: Deutschland finanziert die Verteidigung der Ukraine ohne Washington

Das Ereignis fügt sich in den breiteren Kontext der europäischen Unterstützung ein. Am Vortag hatte Bundeskanzler Friedrich Merz erklärt, dass Deutschland zusammen mit anderen europäischen und nicht-amerikanischen Verbündeten die Verteidigung und den Erwerb von Ausrüstung für die Ukraine ohne die Hilfe Washingtons finanziert. Parallel dazu sucht die ukrainische Seite aktiv nach deutschen Partnern für die Entwicklung neuer Waffenarten – insbesondere hatte der NAUDI-Vorsitzende die Suche nach Partnern in Deutschland zur Entwicklung neuer Waffenmuster angekündigt. Die Gesamtheit dieser Signale weist darauf hin, dass die rüstungsindustrielle Kooperation zwischen Kiew und Berlin von einmaligen Lieferungen zu einer systemischen Partnerschaft mit eigenem Produktions- und Finanzierungsrahmen übergeht.