Genau ein Jahr nach dem Inkrafttreten des Gesetzes über Lobbyismus zeigt die Ukraine nachhaltige Ergebnisse bei der Institutionalisierung eines transparenten Dialogs zwischen Wirtschaft und Staat. Dies erklärte Anastassija Jeserska, führende Expertin der Nationalen Agentur zur Korruptionsprävention (NAK), in einem Kommentar gegenüber RBC-Ukraine. Ihren Worten zufolge zählt das Land heute zu den Spitzenreitern bei den Transparenzindikatoren im Bereich Lobbyismus, wobei die Aufklärung der Wirtschaft selbst weiterhin eine zentrale Herausforderung bleibt: Weithin nicht alle Vertreter des kommerziellen Sektors erkennen, dass ihre Tätigkeit unter die Definition von Lobbyismus fällt und eine Registrierung erfordert.

Transparenzregister: Zahlen und Struktur

Das Transparenzregister – eine offene Plattform unter Verwaltung der NAK – ist zum zentralen Element der Reform des Lobbyismus-Marktes in der Ukraine geworden. Es ging im Herbst 2025 gleichzeitig mit dem Inkrafttreten des Gesetzes über Lobbyismus in Betrieb und hat sich innerhalb eines Jahres zu einem funktionsfähigen Instrument entwickelt, in dem sich bis August 2026 über 200 Eintragungen befinden: internationale Konzerne, Banken, Einzelhändler, Branchenverbände und GR-Teams. Der Lobbyismus ist auf 23 Bereiche verteilt, wobei die aktivsten Bereiche die Wirtschaftspolitik, der Schutz des Eigentumsrechts, der IT-Sektor, der Verkehr und die Infrastruktur sowie der Agrarsektor sind. Als Erste im Register erschienen Tabakunternehmen – sowohl als eigenständige Eintragungen als auch als Mitglieder eines Branchenverbands. Die NAK führt dies auf die besondere Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit und der Regulierungsbehörden gegenüber der Tabakherstellung und, in geringerem Maße, gegenüber Alkohol zurück.

Aufklärung der Wirtschaft: Hinter einem Eintrag stehen 700 Unternehmen

Ein erheblicher Teil der Arbeit der NAK im ersten Jahr des Inkrafttretens des Gesetzes war der Aufklärungsarbeit gewidmet. Wie Jeserska erläuterte, machen unter den registrierten Lobbyisten vorwiegend große Verbände aus, die als einheitliches Lobby-Subjekt auftreten und die Interessen von Hunderten von Unternehmen vertreten. Ihren Worten zufolge ist dies im Register formal ein einzelnes Subjekt, hinter dem jedoch rund 700 Unternehmen stehen. „Wenn jedes Unternehmen sich separat registrieren müsste, hätten wir völlig verrückte Zahlen“, bemerkte die Expertin. Das bedeutet, dass die tatsächliche Dimension der Lobbytätigkeit in der Ukraine die formalen Zahlen des Registers deutlich übersteigt, und die Aufgabe des Regulierungsorgans besteht darin, die Wirtschaft schrittweise von der kollektiven zur individuellen Registrierung zu überführen und damit das Maß an Detailgrad und Transparenz zu erhöhen.

Probleme und Ausnahmen: Was die Umsetzung des Gesetzes bremst

Trotz der positiven Dynamik räumt die NAK das Bestehen systemischer Probleme ein. Erstens enthält das Gesetz eine Reihe von Ausnahmen, und nach Einschätzung des Regulierungsorgans ist die volle Umsetzung des Rechtsaktes umso schwieriger, je mehr davon es gibt. Zweitens wurde in den letzten Monaten ein Rückgang der Registrierungsaktivität neuer Lobbyisten festgestellt, was auf die Bildung eines gewissen „Marktplateaus“ hindeutet. Die Agentur betont, dass es auf dieser Stufe wichtig ist, einen Verfall des Instituts zu verhindern: Wenn die Wirtschaft die Registrierung nicht mehr als einen obligatorischen Bestandteil der legalen Interessenvertretung ansieht, riskiert die Reform, zur reinen Formalität zu werden.

Perspektiven: Medienkampagnen und die Bildung des Lobbyismus-Marktes

Als Antwort auf den Rückgang der Registrierungsaktivität bereitet die NAK eine Reihe von Medienkampagnen vor, die darauf abzielen, der Wirtschaft die Notwendigkeit der Registrierung und die Funktionsmechanismen des Registers zu erläutern. Die Agentur betont, dass der Lobbyismus-Markt in der Ukraine sich im Stadium der Bildung befindet: Die Regeln sind für die meisten Unternehmen noch keine gewohnte Praxis, und dem Regulierungsorgan obliegt es, ein nachhaltiges System der Kontrolle und Aufklärung aufzubauen. Experten hatten zuvor darauf hingewiesen, dass das Gesetz über Lobbyismus als Schritt der Ukraine zu den EU-Standards bezeichnet wird, da es der Wirtschaft einen legalen Mechanismus der Interessenvertretung und dem Staat transparente Regeln des Dialogs mit den Interessenträgern bietet. Der Erfolg der Reform in den kommenden Jahren wird davon abhängen, ob es gelingt, die Lücke zwischen der formalen Zahl der registrierten Subjekte und dem tatsächlichen Umfang der Lobbytätigkeit im Land zu überbrücken.