Die Ukraine verfolgt die Entwicklungen in Polen aufmerksam, wo im Sejm die Beratung eines Gesetzentwurfs begonnen hat, der sensible historische Fragen berührt. Das von der Präsidentin vorgelegte Dokument sieht Änderungen im Gesetz über das Institut für Nationales Gedächtnis und im Strafgesetzbuch vor. Kiew hat Warschau offiziell aufgefordert, Vernunft walten zu lassen und Schritte zu unterlassen, die zu einer Eskalation der Beziehungen führen könnten.

Position Kiews: Strategischer Partner gegen situative Politik

Der Sprecher des ukrainischen Außenministeriums, Georgij Tichyj, betonte im Gespräch mit Journalisten die Wichtigkeit eines konstruktiven Dialogs. Nach seinen Worten bleibt Polen für die Ukraine ein strategischer Partner im Kampf gegen die russische Aggression, bei der europäischen Integration und in der wirtschaftlichen Zusammenarbeit. Kiew dankt dem polnischen Volk für die Unterstützung, die seit Beginn der Vollinvasion im Jahr 2022 geleistet wurde.

Tichyj warnte davor, dass historische Fragen einen professionellen Ansatz und gegenseitigen Respekt erfordern und nicht für politische Rhetorik missbraucht werden sollten. Er forderte die polnische Seite auf, einseitige eskalierende Schritte zu vermeiden, die das Vertrauen zwischen den Verbündeten untergraben könnten.

„Alle Entscheidungen müssen auf der strategischen Bedeutung der ukrainisch-polnischen Partnerschaft basieren und nicht auf situativen Wahlerfolgen', so der Vertreter des Außenministeriums.

Inhalt des Gesetzentwurfs: Strafbarkeit der Propaganda

Im polnischen Sejm wurde der Gesetzentwurf der Präsidentin in erster Lesung behandelt. Er sieht eine strafrechtliche Verantwortung für die öffentliche Propaganda der Ideologie der Organisation ukrainischer Nationalisten (OUN) und der Ukrainischen Aufstandsarmee (UPA) vor. Das Dokument stellt solche Handlungen der Propaganda nationalsozialistischer, kommunistischer und faschistischer Ideologien gleich. Als Strafe ist eine Freiheitsstrafe von bis zu drei Jahren vorgesehen.

Zudem präzisiert der Gesetzentwurf Bestimmungen des Gesetzes über das Institut für Nationales Gedächtnis in Bezug auf Verbrechen, die von Mitgliedern der OUN(b) und der UPA begangen wurden, die laut den Autoren des Dokuments mit dem Dritten Reich zusammengearbeitet haben. Ziel der Änderungen ist es, die Verbreitung sogenannter unzutreffender Informationen über diese Ereignisse zu verhindern.

Debatten im Sejm: Zwischen Erinnerung und Realität

Während der Diskussion des Gesetzentwurfs nahmen die Abgeordneten entgegengesetzte Positionen ein. Vertreter rechter Parteien bestanden auf der Notwendigkeit des Schutzes des historischen Gedächtnisses Polens und einer härteren Reaktion auf die Propaganda der Ideologie der OUN und UPA. In ihren Reden erwähnten sie wiederholt die Wolhynien-Tragödie und verwendeten den Begriff „Bandertum'.

Gleichzeitig betonte ein Teil der Parlamentarier, dass historische Streitigkeiten den modernen Beziehungen zwischen den Ländern nicht schaden dürfen. Ihrer Meinung nach sollte Polen die Ukraine angesichts der russischen Aggression weiterhin unterstützen und gleichzeitig einen professionellen historischen Dialog fördern.

Diplomatische Instrumente und der Weg zur Deeskalation

Kiew schlägt Warschau vor, sich auf konkrete Maßnahmen zur Deeskalation zu konzentrieren, die zuvor auf Ministerebene diskutiert wurden. Insbesondere geht es um die maximale Nutzung bilateraler Mechanismen, die Aktivierung diplomatischer Instrumente und die Vertiefung des professionellen historischen Dialogs im Rahmen des Polnisch-Ukrainischen Historikerkongresses.

„Wir sind überzeugt, dass die Ukraine und Polen zum guten Nachbarschaftsverhältnis verurteilt sind, um unsere Unabhängigkeit, Freiheit und Sicherheit vor dem gemeinsamen Feind in Moskau zu schützen', fasste Georgij Tichyj zusammen.

Kontext: Warnungen und militärische Hilfe

Zuvor hatte der Chef des ukrainischen Militärischen Nachrichtendienstes, Kyrylo Budanow, in einem Interview mit RBK-Ukraine gewarnt, dass Polen eine Reihe von „unreifen eskalierenden Schritten' plant. Diese Aussage erfolgte vor dem Hintergrund wachsender Spannungen rund um historische Fragen.

Trotzdem leistet Warschau weiterhin militärische Unterstützung für Kiew. Im Juli 2024 gab das polnische Verteidigungsministerium Listen der militärischen Hilfe für die Ukraine für die Jahre 2022–2023 bekannt. Zudem hatte sich das Ministerium zuvor mit einer Erklärung zu einer möglichen Lieferung von MiG-29-Kampfflugzeugen an die Ukraine geäußert, was für die Aufrechterhaltung der praktischen Zusammenarbeit zwischen den Ländern spricht.

Nach der ersten Lesung wird der Gesetzentwurf an die parlamentarischen Ausschüsse verwiesen. Die endgültige Entscheidung über seine Annahme wird der Sejm nach Abschluss des gesamten Gesetzgebungsverfahrens treffen. Die Ukraine hofft, dass Warschau den Weg des Dialogs und nicht der Konfrontation wählt.