Der Charakter der Kampfhandlungen im Osten der Ukraine hat sich grundlegend gewandelt. Während Angriffe noch vor kurzem direkt an der Frontlinie konzentriert waren, ist die ukrainische Armee nun zum systematischen Zerstören der Hinterland-Infrastruktur des Gegners übergegangen. Eine Analyse des russischen Mediums Meduza, basierend auf Berichten des Instituts für Kriegsstudien (ISW) und des Projekts GeoConfirmed, dokumentiert eine beispiellose Ausweitung der geografischen Reichweite und Tiefe der Angriffe.
Verlagerung des Vektors: Von der Frontlinie tief ins Hinterland
Im Mai und Juni 2026 stieg die durchschnittliche Eindringtiefe der ukrainischen Angriffe um ein Vielfaches. Ziele, die sich zuvor nur wenige Kilometer von der Frontlinie entfernt befanden, werden nun Dutzende von Kilometern tief in von russischen Truppen kontrolliertes Gebiet getroffen. Der französische OSINT-Analyst Clément Molin bestätigte nach Auswertung von Videoaufnahmen, dass zwischen dem 1. Mai und dem 18. Juni mindestens 500 Angriffe auf russische Lastwagen und Militärfahrzeuge verzeichnet wurden. Seit Jahresbeginn haben geolokalisierende Daten bereits 270 solcher Vorfälle registriert.
Besonders aktiv waren die ukrainischen Streitkräfte in den Richtungen von Huliaipole und Orikhiv. Dabei wurden kritische Abschnitte der Autobahn M-14 „Rostow-Krim“ getroffen, die den Südwesten der Oblast Donezk mit dem Osten der Oblast Saporischschja verbinden. Parallel dazu verlagerte sich der Fokus auf die vorübergehend besetzten Gebiete der Oblast Cherson und der Krim sowie auf Hinterlandbereiche in den Richtungen von Pokrowsk, Konstantyniwka und Slawjansk.
Technologischer Durchbruch: Drohnen mit 3000 km Reichweite
Ein Schlüsselfaktor für die Eskalation war die Erweiterung der Fähigkeiten unbemannter Systeme. Am 21. Juni kündigte der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj die erfolgreiche Anwendung neuer Drohnen des Typs „Fire Point“ an, die Ziele in einer Entfernung von bis zu 2070 Kilometern treffen können. Laut dem Staatsoberhaupt wird diese Grenze in naher Zukunft überschritten, sodass ukrainische UAVs Angriffe auf eine Reichweite von bis zu 3000 Kilometern durchführen können.
Dieser technologische Vorteil ermöglichte die Ausweitung der Kampagne zur Zerstörung der russischen Ölinfrastruktur. Seit März 2026 haben sich die Angriffe auf Kraftstoffanlagen erheblich ausgeweitet, was sich direkt auf die Logistik und Versorgung der Besatzungstruppen auswirkt.
Die Krim unter Beschuss: Brände und Sperrung der Brücke
Die Folgen der verstärkten Angriffskampagne zeigten sich deutlich auf der Krim. In den letzten Monaten wurde die Halbinsel Ziel massiver Angriffe, bei denen Gasstationen, Öltanks, Luftabwehrsysteme und Logistikzentren getroffen wurden. Die Situation spitzte sich am vergangenen Wochenende zu: Die Besatzungsbehörden waren gezwungen, den Verkehr über die Krim-Brücke nach einem neuen Drohnenangriff zu sperren. Satellitenbilder zeigten mehrere Brandherde in der Nähe von Keratsch und des Hafens „Kawkas“.
Strategie der Erschöpfung
Das ukrainische Kommando setzt auf die systematische Zerstörung von Lieferketten. Der Kommandeur der Nationalgarde der Ukraine, Alexander Pivnenko, kündigte Pläne an, die Anzahl der Drohnenpiloten zu erhöhen, um den Druck auf die besetzten Gebiete zu verstärken. Nach seiner Einschätzung wird es dem Gegner nach der vollständigen Sperrung der Logistikrouten „sehr schwer“ fallen, die Kampfhandlungen fortzusetzen. Die aktuelle Strategie zeigt bereits Ergebnisse und verursacht ernsthafte Versorgungsprobleme für die russische Truppengruppe.