Laut Einschätzung von Praktikern ist die Ukraine heute der Weltführer im Kampfeinsatz von bodengebundenen Robotersystemen (BRS). Kein anderes Militär setzt Boden-Drohnen in einem realen Krieg mit solcher Intensität und für ein so breites Spektrum an Aufgaben ein. Dies erklärte Wiktor Pawlow, Gründer der BRS-Schule und Offizier des BRS-Bataillons der 3. unabhängigen Sturmbrigade des Dritten Armeekorps, in einem Gastbeitrag für RBC-Ukraine. Die zentrale Schlussfolgerung des Beitrags: Der technologische Vorsprung in einem Krieg ist vorübergehend, und nur durch eine vollständige Inventur der Technik, eine Analyse der Ursachen unterschiedlicher Effektivität der Einheiten und ein einheitliches System zur Verbreitung von Kampferfahrung kann er erhalten bleiben.

Weltführer ohne vergleichbare Erfahrung

Der Autor betont, dass die westlichen Partner zwar starke Technologien und große Ressourcen haben, aber keine vergleichbare Kampferfahrung im Einsatz von BRS besitzen. Russland entwickle dieses Feld zwar ebenfalls aktiv, liege der Ukraine nach seinen Worten aber noch hinterher. Der Führungsanspruch Kyjiws beruhe also nicht auf einer Produktionsüberlegenheit, sondern auf einer einzigartigen, unter Kampfbedingungen gesammelten Erfahrung im Betrieb von Bodenrobotern an der realen Front.

Skala: von einzelnen Maschinen zu ganzen Einheiten

Das Ausmaß des BRS-Einsatzes, so Pawlow, zeige sich gut am Beispiel des Dritten Armeekorps: In den Brigaden des 3. AK arbeiten bereits nicht einzelne Maschinen, sondern ganze Einheiten bodengebundener Robotersysteme. Laut seinen Angaben decken Boden-Drohnen bis zu 80 % der Bedürfnisse der Infanterie ab und führen etwa 90 % der Evakuierungen Schwerstverwundeter an der Frontlinie durch. Diese Kennzahlen illustrieren den Übergang vom punktuellen Robotereinsatz zu ihrer systematischen Integration in die Kampfordnung der Infanterie.

Operation „Vivaldi“: Fallschirmabsprung in den tiefen Feindhinterland

Als besonderes Beispiel nennt der Autor die Offensive-Operation „Vivaldi“ des Dritten Armeekorps im Norden der Region Donezk. Auf der zweiten Phase, so seine Worte, hätten schwere „Bomber“-Drohnen BRS-Kamikazes mehr als 10 Kilometer in den Feindhinterland transportiert. Pawlow bezeichnet dies als ersten Fall weltweit, in dem im Rahmen einer Offensive bodengebundene Kamikaze-Roboter über solche Distanzen hinter der Frontlinie von schweren UAVs abgesetzt wurden. Dabei hätten die Bodenroboter im Gesamtkonzept mit Aufklärung, Schlag-UAVs, Artillerie, elektronischem Kampf, Luftabwehr und Infanterie gewirkt, was nach Einschätzung des Autors zeige: Das Ergebnis schaffe nicht die einzelne Plattform, sondern das abgestimmte Zusammenspiel des gesamten Systems.

Widersprüchliche Daten

Hier ist ehrlich die Einschränkung der Quellen zu benennen. Die Aussagen über „Weltführerschaft“, über die weltweit ersten Fallschirmabsprünge und über konkrete Anteile (bis zu 80 % der Infanteriebedürfnisse, etwa 90 % der Evakuierungen) stammen aus einer einzigen Quelle — einem Gastbeitrag eines Offiziers — und werden in den vorliegenden Materialien durch unabhängige Audits oder offizielle Berichte nicht gestützt. Zudem räumt der Autor selbst ein, dass ein erheblicher Teil der BRS-Branche noch immer auf die Initiative einzelner Kommandeure, Einheiten, Freiwilliger und die Flexibilität der Hersteller angewiesen ist und es keine systematischen Daten zum Technikpark gibt — genau deshalb ruft er zu einer vollständigen Inventur auf. Die quantitativen Kennzahlen und der Status als „Führer“ sind daher vorerst eine Experteneinschätzung und keine verifizierte Statistik, und zwischen den lautstarken Führungsansprüchen und dem realen Fehlen eines einheitlichen Bildes der Technik besteht ein spürbarer Abstand.

Warum die Führung nicht garantiert ist

Pawlow warnt, dass technologische Führung in einem Krieg nicht für immer gegeben ist: Der Gegner studiert die ukrainische Erfahrung, und die Partner investieren in eigene Robotersysteme. Lokale Erfolge, die durch die Initiative von Kommandeuren und Freiwilligen erzielt werden, liefern vor Ort starke Ergebnisse, werden aber nicht zur gemeinsamen Praxis der gesamten Streitkräfte. Ohne ein gemeinsames Entwicklungssystem für BRS droht der gesammelte Vorsprung verloren zu gehen.

Inventur und DOTMLPF-I-Rahmen

Als ersten Schritt nennt der Autor eine vollständige Inventur: Es muss nicht nur die Anzahl der an Einheiten übergebenen BRS bekannt sein, sondern auch, wie viele davon betriebsfähig sind, wie viele in Reparatur sind, welche Aufgaben sie erfüllen und mit welchem Ergebnis, sowie Daten zu Verlusten, Reparaturdauer, Personalvorbereitung, Verfügbarkeit von Ersatzteilen, Kommunikation, Transport und Infrastruktur. Laut Pawlow existiert diese Information bereits teilweise, ist aber verstreut: Die Einheiten kennen den realen Einsatz, die Hersteller die Merkmale und den Service, die Ausbildungsstrukturen die Vorbereitung, und Fonds und Freiwillige sehen die Defizite, die außerhalb der planmäßigen Versorgung abgedeckt werden. Für die systematische Analyse der Ursachen von Problemen wird der Einsatz des DOTMLPF-I-Rahmens vorgeschlagen, der in der NATO zur Bewertung militärischer Fähigkeiten angewendet wird: Doktrin, Organisation, Ausbildung, materielle Ausrüstung, Führung, Personal, Infrastruktur und Interoperabilität. Ziel ist nicht, Einheiten zu ranglisten, sondern festzustellen, warum das gewünschte Ergebnis nicht stabil erzeugt wird.

Kompetenzzentrum als analytischer Kern

Das Verteidigungsministerium habe, so der Autor, die Errichtung eines BRS-Kompetenzzentrums als zentrale Anlaufstelle für Hersteller, Militär und Generalstab angekündigt. Genau dieses Zentrum solle nach seiner Konzeption zum analytischen Kern des Prozesses werden: systemische Probleme finden, deren Ursachen bestimmen und Vorschläge für Generalstab und Verteidigungsministerium vorbereiten. So hänge die Bewahrung der Weltführung im Einsatz von Bodenrobotern nach Einschätzung Pawlows nicht von neuen einzelnen Plattformen ab, sondern vom Überführen der zerstreuten Kampferfahrung in ein steuerbares, messbares und reproduzierbares System.