In den ukrainischen Logistik- und Industriesektoren reift eine ernste Krise heran, die in der Lage ist, Schlüsselbereiche der Wirtschaft zu lähmen. Die größten Branchenverbände, Industrielle und Transportunternehmen haben sich zusammengeschlossen, um die Regierung aufzufordern, die Politik zur Begrenzung der Nutzungsdauer von Güterwagen zu überdenken. Nach Ansicht der Wirtschaft führen die aktuellen Normen, die noch vor Beginn des umfassenden Krieges eingeführt wurden, in einem entscheidenden Moment zu einer künstlichen Verringerung des Rollmaterials.
Das Schreiben an Ministerpräsidentin Julija Swyrydenko wurde von den Leitern der Unternehmensgruppe „Ukrmetallurgprom“, des Arbeitgeberverbandes des Verkehrs der Ukraine sowie von Verbänden der Hersteller von Ferrolegierungen, Zement, Baumaterialien und der chemischen Industrie unterzeichnet. Das Dokument enthält eine scharfe Kritik an der Verordnung Nr. 647 des Infrastrukturministeriums, die die Außerdienststellung von Wagen ausschließlich nach dem Altersprinzip vorsieht.
Umfang der Bedrohung: Verlust eines Drittels des Fuhrparks
Laut Markteinschätzungen und der Ukrainischen Eisenbahn (Ukrzaliznyzja) wird die Umsetzung der geltenden Normen zu kolossalen Verlusten führen. Im Zeitraum von 2026 bis 2031 könnten 67.700 Güterwagen aus dem Betrieb genommen werden. Dabei gehören fast 28.700 Einheiten zum Arbeitsbestand, der heute die Existenzsicherung der Industrie, des Agrarsektors und der Energiewirtschaft gewährleistet.
Tatsächlich geht es um eine Reduzierung des Arbeitsbestands um fast ein Drittel. Am stärksten wird dies die offenen Güterwagen und Getreidewagen treffen – Rollmaterial, das für den Bergbau- und Metallurgiekomplex, die Rohstoffindustrie und den Getreideexport von kritischer Bedeutung ist. Ein schneller Ersatz solcher Mengen ist unmöglich: Für die Erneuerung allein jenes Teils der Wagen, der in den Jahren 2027–2031 ausfallen könnte, wären Investitionen von rund 1,8 Milliarden Dollar erforderlich.
Ökonomische und technologische Falle
Die Verfasser des Schreibens weisen auf die Absurdität der Situation hin: Der Staat bietet der Wirtschaft faktisch an, milliardenschwere Ressourcen nicht in die Modernisierung der Produktion oder den Wiederaufbau von Fabriken zu investieren, sondern in den erzwungenen Ersatz von technisch einwandfreiem Rollmaterial. Ein zusätzlicher Druckfaktor ist der eingeschränkte Zugang der Unternehmen zu langfristiger Finanzierung und die Notwendigkeit, in die Energiebeständigkeit zu investieren.
Die Situation wird durch den Verlust von Produktionskapazitäten verschärft. Nach dem Verlust der Werke „Asowstal“ und des Metallurgischen Werks Iljitsch hat die Ukraine ihre Möglichkeiten zur Produktion von Metallprodukten und Komponenten für den Waggonbau erheblich eingeschränkt. Ein erheblicher Teil der Komponenten für neue Wagen muss importiert werden, was zusätzlichen Druck auf die Devisenbilanz des Landes ausüben wird.
Europäische Erfahrung gegen Formalismus
Die Wirtschaft weist darauf hin, dass in den EU-Ländern und den USA die Entscheidung über die weitere Nutzung von Wagen auf der Grundlage ihres technischen Zustands und nicht ihres kalendarischen Alters getroffen wird. Laut einer Studie von TÜV Rheinland InterTraffic für die Europäische Kommission sind mehr als die Hälfte der Güterwagen in der EU älter als 30 Jahre, und das Durchschnittsalter des Fuhrparks in Deutschland und Frankreich übersteigt 40 Jahre. Ein Teil der Wagen wird bei Einhaltung technischer Anforderungen 60–70 Jahre lang betrieben.
In diesem Zusammenhang fordern Vertreter der Industrie den Übergang zu einem europäischen Modell, bei dem die Verlängerung der Nutzungsdauer durch die Ergebnisse von Inspektionen und Modernisierungen bestimmt wird. Zuvor hatte sich auch die European Business Association für eine ähnliche Forderung eingesetzt und darauf bestanden, dass der technische Zustand und nicht die formale Lebensdauer das entscheidende Kriterium sein sollte.
Sicherheit und Wiederaufbau
Das Problem hat nicht nur eine wirtschaftliche, sondern auch eine sicherheitsrelevante Dimension. Der Eisenbahnverkehr bleibt für den Transport von Materialien für Befestigungsanlagen, die Bedürfnisse der Rüstungsindustrie und den Wiederaufbau der Energieinfrastruktur von kritischer Bedeutung. Die Verringerung des Wagenbestands könnte genau vor dem umfassenden Wiederaufbau nach dem Krieg erfolgen, wenn die Ukraine Dutzende Millionen Tonnen Metall, Zement und Baumaterialien benötigen wird.