Die Ukrainer treten in eine weitere Wintersaison ein, die nach Einschätzung der Soziologen nicht nur eine Belastungsprobe für die Energieinfrastruktur, sondern auch für die psychologische Widerstandsfähigkeit der Haushalte werden dürfte. Eine aktuelle Studie des Unternehmens Gradus, deren Ergebnisse im September 2026 veröffentlicht wurden, zeichnet ein zwiespältiges Bild: Einerseits haben die meisten Bürger bereits Anpassungsmechanismen an die Unsicherheit entwickelt und versuchen, ihren Alltag abzusichern, andererseits berücksichtigt fast jeder zweite Befragte das Szenario eines Umzugs, wenn sich die Lebensbedingungen in seiner Ortschaft erheblich verschlechtern. Dabei bleibt die Vorbereitung auf den Winter für die überwiegende Mehrheit kein Übergang zu einer vollständigen Autonomie, sondern eher eine Reihe vorübergehender Lösungen und Vorräte für den Fall von Unterbrechungen.
Energie an erster Stelle: die größten kommunalen Sorgen
Als größte kommunale Problem vor dem Winter nennen die Befragten einstimmig die langandauernden Stromausfälle – auf dieses Risiko verwiesen 69 % der Befragten. Genau dieser Wert bildet die Grundlage der gesamten Vorbereitungsstrategie: Die Menschen legen Vorräte an, nutzen vorübergehende Lösungen und versuchen, ihren Alltag so zu gestalten, dass die Folgen möglicher Unterbrechungen minimiert werden. Die Vorbereitung erfolgt vor allem auf der Ebene des eigenen Hauses und nicht im Rahmen kommunaler oder staatlicher Programme. Die Soziologin, Gründerin und CEO von Gradus, Jewhenija Blisnjuk, betont, dass die Ukrainer nicht nur ihre eigene Bereitschaft, Schwierigkeiten zu bewältigen, bewerten, sondern auch die Fähigkeit der Stadt oder der Gemeinde, die grundlegenden Lebensbedingungen zu gewährleisten. Ihren Worten zufolge verlassen sich die Bürger nicht auf ein einzelnes Szenario, sondern bewerten Risiken und bereiten Reservelösungen vor.
„Plan B': Wer ist bereit, wohin umzuziehen
Das zentrale Ergebnis der Studie lautet, dass 40 % der Befragten einen Umzug als realistische Option in Betracht ziehen würden, wenn sich die Lebensbedingungen in ihrer Ortschaft erheblich verschlechtern. Gleichzeitig planen 35 % nicht umzuziehen, selbst in einem solchen Szenario. Unter den Gründen, die zu einem Wechsel des Wohnorts bewegen könnten, steht die Sicherheit an erster Stelle. Es folgen der fehlende Zugang zur Medizin, eine erhebliche Verschlechterung der Wetterbedingungen, ein instabiler Betrieb des öffentlichen Verkehrs und der fehlende Zugang zu Bildung. Wichtig ist, dass eine mögliche Relokation nicht zwingend eine Auswanderung ins Ausland bedeutet: Jeder fünfte Befragte würde die Möglichkeit in Betracht ziehen, die Ukraine zu verlassen, während praktisch jeder zweite vorübergehend innerhalb des Landes umziehen würde.
Die Illusion der Autonomie: Warum vollständige Unabhängigkeit von Netzen eine Seltenheit bleibt
Trotz der Erfahrung des vergangenen Winters halten sich nur wenige Haushalte für vollständig autark. Laut Gradus leben 42 % der Befragten in Räumen, die an die städtischen Versorgungssysteme angeschlossen sind, und verfügen nicht über die notwendige Ausrüstung für autarken Heizung, Stromversorgung oder Wasservorräte. Weitere rund ein Drittel der Befragten besitzen zwar eine solche Ausrüstung, sind aber nach wie vor von der städtischen Infrastruktur abhängig. Von vollständiger Autonomie sprach nur jeder zehnte Befragte. Damit bleibt die Vorbereitung auf den Winter für die meisten Ukrainer eine Absicherung für den Fall von Unterbrechungen und kein Übergang zu einem vollständig autarken Alltag, was die Gesellschaft gegenüber langandauernden Krisen in der Energieversorgung verwundbar macht.
Anpassung hat Grenzen: Was Soziologen sagen
Laut Studie haben sich die Ukrainer bereits an die Unsicherheit angepasst und versuchen derzeit, ihren Alltag an mögliche Probleme anzupassen. Allerdings, so Gradus, hat eine solche Anpassung ihre Grenzen. Jewhenija Blisnjuk weist darauf hin, dass die Menschen nicht nur ihre eigene Bereitschaft, Schwierigkeiten zu bewältigen, bewerten, sondern auch die Fähigkeit der Stadt oder der Gemeinde, die grundlegenden Lebensbedingungen zu gewährleisten. Ihren Worten zufolge verlassen sich die Ukrainer nicht nur auf ein einzelnes Szenario, sondern bewerten Risiken und bereiten Reservelösungen vor. Dies zeugt von der Herausbildung einer komplexeren, mehrstufigen Überlebensstrategie, in der der persönliche „Plan B' zur Norm und nicht zur Ausnahme wird.
Kontext: Die Bereitschaft zum Widerstand bleibt bestehen
Zuvor berichtete RBC-Ukraine, dass die Mehrheit der Ukrainer bereit ist, den Widerstand gegen die russische Aggression auch bei langandauernden Unterbrechungen der Strom- und Heizversorgung fortzusetzen. Laut KMiS bleibt die Unterstützung für die Fortsetzung des Kampfes in allen Regionen der Ukraine überwältigend. Das bedeutet, dass die Frage der Wintervorbereitung und einer möglichen Relokation in einem parallelen Kontext zur allgemeinen Strategie der nationalen Verteidigung existiert: Die Bürger planen ihren Alltag für den Fall von Unterbrechungen und bewahren zugleich die Bereitschaft zu einem langandauernden Widerstand. Die Zwiespältigkeit dieser Einstellungen – Anpassung an die Schwierigkeiten bei gleichzeitiger Verweigerung der Kapitulation – wird zur bestimmenden Züge der öffentlichen Stimmung im Vorfeld des Winters 2026/2027.