Ukrainer erwägen die Option eines vorübergehenden Auslandsaufenthalts immer seltener. In den letzten zwei Jahren ist der Anteil der Bürger, die bereit sind, das Land zu verlassen, um vorübergehenden Schutz zu erhalten, deutlich gesunken. Wenn 2024 noch 41 % der Befragten über einen solchen Schritt nachdachten, sank diese Zahl bis 2026 auf 33 %. Dies belegen Daten einer Studie des Unternehmens Gradus, die von RBC-Ukraine veröffentlicht wurden.

Pragmatismus verdrängt Emotionen

Die Stimmungsänderung hängt nicht nur mit dem Pflichtgefühl zusammen, sondern auch mit einer nüchternen Einschätzung der Lebensumstände. Die Entscheidung, in der Ukraine zu bleiben, wird zunehmend von praktischen Erwägungen diktiert: Vorhandensein eines eigenen Wohnraums, Nähe zu Verwandten und der Wunsch, die gewohnte Lebensqualität zu bewahren.

Laut Studie sind patriotische Motive, obwohl sie nach wie vor bedeutsam sind, nicht mehr dominierend. Nur 52 % der Befragten nannten sie als wichtigen Grund für den Verbleib im Land. In den Vordergrund traten eher bodenständige Faktoren:

  • Lebensqualität (66 %);
  • Sozialer Zusammenhalt (65 %).

Besonders deutlich zeigt sich dieser Trend bei Frauen. Für sie wurden die Möglichkeit, normale Bedingungen für die Familie zu schaffen, und das Vorhandensein eines eigenen Wohnraums kritisch wichtig – diesen Faktor nannten 68 % der Frauen gegenüber 64 % der Männer.

Wer denkt noch über die Ausreise nach?

Trotz des allgemeinen Trends zur Verankerung in der Heimat gibt es immer noch eine Gruppe von Menschen, die eine erneute Ausreise erwägen. Soziologen stellen fest, dass diejenigen zur Migration neigen, die die Ukraine nach Beginn des umfassenden Krieges bereits verlassen, aber später zurückgekehrt sind. Unter dieser Gruppe denken 45 % über eine erneute Ausreise nach.

Im Gegensatz dazu zeigen Menschen, die während des gesamten Krieges ihr ständiges Wohnsitz nie verlassen haben, das geringste Verlangen, wegzuziehen.

Der Haupttreiber für Migrationsabsichten bleibt nach wie vor die Frage der Sicherheit und des physischen Überlebens. Allerdings gewinnen andere Argumente an Gewicht:

  • Der Einfluss des Umzugs von Freunden und Verwandten ins Ausland stieg von 31 % auf 38 %.
  • Die Bedeutung der Lebensqualität als Grund für die Ausreise erhöhte sich von 62 % auf 66 %.

Kinder als Risikofaktor

Das Vorhandensein von Kindern beeinflusst die Entscheidung über einen Umzug erheblich, aber der entscheidende Faktor ist ihr Alter. Eltern denken am häufigsten über die Ausreise nach, wenn in der Familie Kinder im Alter von 4–6 Jahren oder 13–17 Jahren sind.

Soziologen verbinden dies mit dem Wunsch, den Kindern in Schlüsselphasen eine sichere Ausbildung zu gewährleisten: vor Schulbeginn oder vor dem Eintritt in eine Hochschule.

Pessimismus und die Suche nach Kompromissen

Hintergrund des Rückgangs der Migrationsstimmung ist eine wachsende Sorge um die Zukunft des Landes. Fast die Hälfte der Befragten (45 %) ist überzeugt, dass sich die Situation in der Ukraine in die falsche Richtung entwickelt. Nur 36 % der Befragten bewerten den aktuellen Entwicklungskurs positiv.

Bürger nennen den Krieg (88 %) und Korruption in staatlichen Institutionen (74 %) als die wichtigsten inneren Probleme. Die Prognosen für das Ende des Konflikts sind düsterer geworden: 43 % der Ukrainer glauben, dass aktive Kampfhandlungen noch viele Jahre andauern werden, und weitere 34 % können die Dauer nicht vorhersagen.

Unter diesen Bedingungen wächst die Unterstützung für diplomatische Wege zur Konfliktlösung. 57 % der Befragten befürworten die Suche nach einem Kompromiss, und 66 % billigen die Durchführung von Verhandlungen. Dabei halten 67 % der Befragten das Verhandlungsszenario für den realistischsten Weg, um Frieden zu erreichen.