In der polnischen Stadt Bydgoszcz, in den Räumen des Gemeinsamen Zentrums für Analyse, Ausbildung und Bildung der NATO-Ukraine (JATEC), fand eine einzigartige dreitägige Simulation statt. Während der Übungen übernahmen ukrainische Spezialisten die Rolle des „angreifenden Landes' und trainierten Desinformationstaktiken, die im echten Leben mit russischen Kriegsführungsmethoden assoziiert werden. Das Spielszenario basierte auf dem Konflikt zwischen der fiktiven Demokratie „Peranza' und ihrem autoritären Nachbarn „Karti'.
Szenario: Von Cyberangriffen bis zu Überschwemmungen
Die Übungen modellierten eine Situation, in der „Karti' (in der Rolle der Ukrainer) eine Serie von Angriffen auf die Infrastruktur von „Peranza' (die von einem NATO-Team verteidigt wurde) verübt. Das Szenario umfasste drei kritische Krisen: einen großflächigen Stromausfall, eine verheerende Überschwemmung und einen Hack der Bankensysteme. Als Reaktion auf jede Krise startete „Karti' eine massive Informationskampagne.
Die Hauptwaffe des ukrainischen Teams war die künstliche Intelligenz. Spezialisten generierten Tausende von Nachrichten für soziale Medien, in denen sie die Regierung von „Peranza' der Inkompetenz und Korruption bezichtigten. Gleichzeitig wurde die Erzählung verbreitet, dass nur „Karti' in der Lage sei, die Bevölkerung zu retten. Auf der Website der fiktiven Regierung erschienen Slogans wie: „Peranza kann nicht helfen, aber Karti kann'. Das NATO-Team versuchte seinerseits, die Situation unter Kontrolle zu halten, rief zur Einheit auf und warnte vor Plünderungen.
Paradoxes Ergebnis: Wer hat wen unterrichtet?
Die Ergebnisse der Simulation waren überraschend. Nach Einschätzung der Jury, bestehend aus Wissenschaftlern und Experten für Desinformation, verlor das Team „Karti' in zwei von drei Szenarien nur mit minimalem Abstand. Die deutsche Oberstleutnantin Yvonne Retter, Direktorin des Digitalisierungszentrums des Bundesheeres, erkannte die professionelle Überlegenheit der ukrainischen Seite an.
„Die Ukrainer arbeiteten schneller, waren kreativer und zeigten bessere Fähigkeiten im Umgang mit künstlicher Intelligenz. Sie haben ein sehr realistisches Verständnis davon, wie Gegner funktionieren und kommunizieren. In dieser Hinsicht können wir von ihnen lernen', so Retter.
Die Jury kritisierte das Team „Karti' wegen des Fehlens eines einheitlichen, konsistenten Narrativs, das auf einigen Schlüsselbotschaften basieren sollte. Die ukrainischen Teilnehmer entgegneten dieser Kritik jedoch mit einem Verweis auf die Realität: „Im echten Leben ändern sich die Hauptbotschaften jeden Tag – schauen Sie sich einfach an, was Russland tut'.
Austausch von Erfahrungen im JATEC-Zentrum
Diese Übungen waren Teil der breiteren Arbeit des Gemeinsamen Zentrums NATO-Ukraine, das im Februar 2025 in Bydgoszcz eröffnet wurde. Es ist die erste zivil-militärische Organisation, die gemeinsam vom Bündnis und Kiew geleitet wird. Der Arbeitsplan des Zentrums wurde bereits im Januar 2025 festgelegt, und im Oktober bestimmte das Kabinett der Minister der Ukraine die Verfahren für die Entsendung militärischer Spezialisten nach Polen.
Heute machen entsandte ukrainische Mitarbeiter – Vertreter der Streitkräfte, des Verteidigungsministeriums und der Nachrichtendienste – ein Drittel der 60 Mitarbeiter des Zentrums aus. Die ukrainische Delegation, angeführt von Oberst Valeriy Vishnevsky, teilt ihre einzigartigen Erfahrungen im Kampf: Schwarmangriffe von Drohnen, elektronische Kampfführung und dezentrale Kommandostrukturen. Im Gegenzug erhält der Ukraine Zugang zu modernster Software und Ingenieurskapazitäten der NATO.
Einschränkungen der Simulation
Trotz des Erfolgs der Übungen betonen Experten, dass das Spiel die realen Bedingungen eines Krieges nicht vollständig reproduzieren kann. Alexandra Fotescu, Forscherin für kognitive Kriegsführung an der Helmut-Schmidt-Universität in Hamburg, stellte fest, dass der Simulation die emotionale und existenzielle Belastung fehlt, mit der Ukrainer an der Front konfrontiert sind. „Das Spiel versetzt uns eigentlich nicht in die realen Bedingungen... Es ist eher ein Szenario, das für die Praxis entwickelt wurde', gab sie zu.
Die Simulation wurde vom Bundesheer finanziert, und die französische IT-Firma Atos stellte die technische Plattform für digitale Militärsimulationen bereit. Für die Ukraine sind solche Übungen ein wichtiger Schritt hin zur operativen Interoperabilität mit dem Bündnis, was für die moderne Verteidigung von entscheidender Bedeutung ist.