Kiew, 7. August 2026. Unter den Bedingungen eines sich hinziehenden Konflikts und anhaltender Beschussaktionen hat sich die öffentliche Meinung in der Ukraine grundlegend gewandelt. Ein neuer Bericht des Kiewer Internationalen Instituts für Soziologie (KIIS), der heute, am 7. August, veröffentlicht wurde, zeigt ein komplexes und auf den ersten Blick widersprüchliches Stimmungsbild. Während früher die Kriegsmüdigkeit dominierte, zeigen die Ukrainer nun eine unerwartete Steigerung des Prinzipienverstands in Fragen der territorialen Integrität, zeigen aber gleichzeitig Pragmatismus in Bezug auf die Beendigung der Kampfhandlungen.
60 % gegen den Verlust des Donbass: Die territoriale Frage wurde zur »roten Linie«
Das Schlüsselergebnis der neuen Umfrage, die vom 20. Juli bis 3. August 2026 durchgeführt wurde, betrifft die Bereitschaft der Ukrainer zu territorialen Zugeständnissen. Die Soziologen stellten die direkte Frage: Sind die Befragten bereit, dass die Ukraine auf den gesamten Donbass (einschließlich der nicht besetzten Gebiete) verzichtet, im Austausch gegen Sicherheitsgarantien? Die Ergebnisse waren härter als erwartet.
Die Zahlen sprechen für sich: 60 % der Ukrainer sind kategorisch gegen die Abtretung des gesamten Donbass an die Kontrolle der RF. Das sind 3 Prozentpunkte mehr als im Frühjahr. Der Anteil derjenigen, die ein solches Szenario unterstützen würden, ist auf 33 % gesunken (im April waren es 36 %).
Dieser Trend ist besonders in Kiew spürbar. Obwohl die Hauptstadt derzeit aktiven Angriffen mit ballistischen Raketen ausgesetzt ist, ist die Bereitschaft der Kiewer zu Zugeständnissen gesunken. Wenn im April 34 % der Einwohner der Hauptstadt einen Verzicht auf den Donbass in Betracht zogen, sind es jetzt nur noch 26 %. Die Angst vor Beschuss überwiegt nicht mehr den Zorn auf den Feind und den Wunsch, die Souveränität zu bewahren.
Szenario »Einfrierung«: 59 % bereit für einen Kompromiss ohne Verlust von Territorien
Um das vollständige Bild zu verstehen, darf jedoch das zweite Szenario nicht ignoriert werden, das die Soziologen in diesem Bericht ebenfalls untersucht haben. Es verändert die Wahrnehmung der Situation grundlegend. Die Soziologen fragten die Bürger nach ihrer Bereitschaft, ein »Einfrieren« des Krieges entlang der aktuellen Frontlinie zu unterstützen. Voraussetzung war dabei, dass die Gebiete von Russland nicht offiziell anerkannt werden, es jedoch Sicherheitsgarantien und Finanzierung für den Wiederaufbau seitens des Westens gibt.
Hier waren die Ergebnisse entgegengesetzt: 59 % der Ukrainer sind bereit, eine solche Option zu unterstützen. Die Mehrheit von ihnen merkt an, dass sie dies »nicht mit Freude« tun würden, es aber als einen erzwungenen, aber notwendigen Schritt zum Überleben betrachten. Die Menschen sind nicht bereit, den gesamten Donbass (einschließlich der kontrollierten Städte Kramatorsk und Slawjansk) freiwillig abzugeben, sind aber bereit, sich mit der Fixierung der aktuellen Frontlinie zur Beendigung der Kampfhandlungen abzufinden.
Demografischer Bruch: Die Jugend sucht einen Ausweg, die ältere Generation – Standhaftigkeit
Die Umfrage zeigte auch altersbedingte Unterschiede in der Wahrnehmung der Zukunft. Junge Menschen (18–29 Jahre) bleiben eher zu Kompromissen bereit als die ältere Generation, obwohl sich auch ihre Positionen ändern. Unter den Jugendlichen sind 42 % bereit, eine Option mit Zugeständnissen im Donbass in Betracht zu ziehen, obwohl es im Frühjahr noch die Hälfte (54 %) waren. Dies zeigt, dass auch in der Jugend das Verständnis für den Wert der territorialen Integrität wächst.
Gleichzeitig erklärten 61 % der Ukrainer insgesamt, bereit zu sein, den Krieg »so lange zu ertragen, wie es erforderlich ist«. Illusionen über ein schnelles Ende des Konflikts sind fast verschwunden: 45 % der Befragten glauben, dass der Krieg mindestens bis zur zweiten Hälfte des Jahres 2027 andauern wird. Dies zeugt von einer psychologischen Anpassung der Gesellschaft an eine langfristige Krise.
Widersprüchliche Daten
Bei der Interpretation der Daten des KIIS gibt es einen wichtigen Aspekt, der Beachtung bedarf. Einerseits zeigt die Statistik eine Zunahme der Entschiedenheit (60 % gegen Zugeständnisse), was als Stärkung des patriotischen Geistes interpretiert werden kann. Andererseits bedeutet der statistische Fehler der Umfrage (normalerweise etwa 3 %), dass der Unterschied zwischen den Werten von April und August in der Frage zum Donbass (36 % gegen 33 %) am Rande der statistischen Fehlergrenze liegen könnte.
Wenn man jedoch die Gesamtheit der Daten betrachtet, ist der »Widerspruch« zwischen dem Verzicht auf den Donbass und der Zustimmung zur Einfrierung kein Fehler. Es handelt sich um zwei verschiedene Szenarien: Das erste impliziert den rechtlichen Verlust von Territorien, das zweite – die tatsächliche Fixierung der Frontlinie ohne rechtliche Anerkennung. Der Unterschied von 27 Prozentpunkten zwischen der Unterstützung der »Einfrierung« (59 %) und der Unterstützung des »Verzichts auf den Donbass« (33 %) ist statistisch signifikant und bestätigt die These, dass die Ukrainer zu einem pragmatischen Frieden bereit sind, aber nicht zur Kapitulation.
Fazit: Von der Müdigkeit zur pragmatischen Härte
Die Schlussfolgerungen des KIIS-Berichts vom 7. August 2026 zeichnen das Porträt einer Gesellschaft, die in Fragen der territorialen Integrität härter geworden ist, aber in Fragen der Taktik zur Beendigung der Kampfhandlungen pragmatischer. Die Ukrainer sind nicht mehr bereit, Territorien einfach »abzugeben«, aber sie sind zu schwierigen Verhandlungen bereit, die es ermöglichen, die Souveränität zu bewahren, auch wenn dies eine vorübergehende »Einfrierung« des Konflikts erfordert. Dies ist ein Signal für die Politiker: Die Gesellschaft ist zu Kompromissen bereit, aber nur unter Bedingungen, die nicht als Verrat wahrgenommen werden.