Auf dem ukrainischen Arbeitsmarkt hat sich eine Situation entwickelt, die als tiefgreifendes Paradoxon beschrieben werden kann. Die Arbeitnehmer behalten ein hohes Maß an Vertrauen in ihr unmittelbares Umfeld und die Führungsebene, lehnen es jedoch massenhaft ab, ihre Unternehmen als Arbeitgeber weiterzuempfehlen. Dies belegen die Ergebnisse einer umfassenden Studie, die von den Analysten der Firma Gradus durchgeführt wurde.

Loyalitätskrise und der eNPS-Index

Die Zahlen zeigen, dass die Loyalität gegenüber der Arbeitgebermarke auf einem kritisch niedrigen Niveau liegt. Nur 26 % der ukrainischen Mitarbeiter sind bereit, ihr Unternehmen Freunden oder Bekannten zu empfehlen. Gleichzeitig nahmen 41 % der Befragten die Position ein, dass sie es nicht empfehlen würden, und weitere 33 % blieben neutral.

Als Ergebnis belief sich der berechnete Mitarbeiter-Loyalitätsindex (eNPS) in der Ukraine auf lediglich 15 %. Dies bedeutet, dass die Anzahl der kritisch eingestellten Arbeitnehmer die Zahl derjenigen, die als „Anwälte“ ihres Arbeitgebers auftreten, deutlich übersteigt.

Vertrauen innerhalb des Teams versus Vertrauen in die Marke

Trotz des Skeptizismus gegenüber dem Unternehmen als Ganzes bleibt das Mikroklima innerhalb der Arbeitsgruppen relativ stabil. Die Studie ergab, dass 58 % der Befragten ihren Kollegen vertrauen und 56 % ihrer direkten Vorgesetzten.

Die Experten von Gradus stellen fest, dass die geringe allgemeine Loyalität gegenüber dem Arbeitgeber teilweise durch gute zwischenmenschliche Beziehungen innerhalb der Teams kompensiert wird. Die Menschen schätzen ihre Arbeitspartner, doch dies mündet nicht in den Wunsch, das Unternehmen als verlässlichen Partner zu fördern.

Psychologische Sicherheit: Risikozone

Einer der Schlüsselfaktoren, die den Verlust an Loyalität beeinflussen, ist der Mangel an psychologischer Unterstützung. Die meisten ukrainischen Unternehmen ignorieren diesen Aspekt der Unternehmenskultur:

  • Nur 16 % der Mitarbeiter haben Zugang zu professioneller psychologischer Hilfe am Arbeitsplatz.
  • 58 % der Befragten bestätigten, dass es eine solche Unterstützung in ihren Unternehmen nicht gibt.
  • 26 % wissen nicht einmal, ob eine solche Möglichkeit besteht.

Darüber hinaus fühlt sich jeder fünfte Arbeitnehmer (20 %) nicht psychologisch sicher. Sie fürchten, offen über ihren emotionalen Zustand zu sprechen, aus Angst vor negativen Konsequenzen. Die Analysten warnen: Das Verschweigen von Problemen mit der psychischen Gesundheit untergräbt allmählich das Vertrauen und verringert die Bereitschaft, das Unternehmen weiterzuempfehlen.

Das neue Profil des idealen Arbeitgebers

Ukrainer haben ihre Prioritäten neu überdacht. Während früher ehrgeizige Ziele und der Karriereaufstieg in den Vordergrund treten konnten, dominiert heute der Pragmatismus. Die wichtigste Eigenschaft eines idealen Arbeitgebers ist ein angemessenes Gehalt – diese Option wählten 63 % der Befragten.

Die Erwartungen an Arbeitgeber haben sich geändert: Programme zur Karriereentwicklung und „inspirierende Führung“ rücken in den Hintergrund. Stattdessen schätzen die Mitarbeiter zunehmend:

  • Stabilität.
  • Flexible Arbeitsmodelle.
  • Komfortable Arbeitsbedingungen.

Diese Daten ergänzen die zuvor veröffentlichten Statistiken, wonach nur 27 % der Ukrainer in ihrem erlernten Beruf arbeiten und fast die Hälfte ihre Profession nicht noch einmal wählen würde. Der Arbeitsmarkt transformiert sich, und Arbeitgeber müssen sich an die Nachfrage nach Sicherheit und angemessenem Einkommen anpassen.