Die ukrainische Indie-Szene wird schon lange nicht mehr nur mit großen Kampf- oder Strategieprojekten assoziiert. Neben großen Studios arbeiten kleine Teams und sogar Solo-Entwickler an ruhigen, atmosphärischen Geschichten, die Spieler von den ersten Minuten an fesseln können. In ihren Portfolios finden sich gezeichnete Märchen, außergewöhnliche Abenteuer, fantastische Welten und berührende Erzählungen über die Suche nach einem Zuhause. Styler-Redakteurin Julia Ljuschnewa hat eine Auswahl von fünf ukrainischen Indie-Spielen für den PC zusammengestellt, die ihrer Einschätzung nach aufgrund ihrer Handlungen, visuellen Stile und originellen Ideen Aufmerksamkeit verdienen.

Ein märchenhafter Wald ohne Eile: Tukoni: Forest Keepers

Der erste Titel der Auswahl ist das gemütliche Märchenabenteuer Tukoni: Forest Keepers, das vom ukrainischen Studio Dream Operator nach Motiven der Bücher von Künstlerin und Autorin Oxana Bula entwickelt wurde. Die Handlung spielt in einem magischen Wald, in dem kleine Tukoni-Geister leben, die sich um Pflanzen, Bäume und Waldtiere kümmern. Der Spieler steuert einen reisenden Waldgeist, der den Bewohnern helfen muss, sich auf den Winter vorbereiten: Es warten malerische Lichtungen, gemütliche Häuser, Rätsel und Begegnungen mit ungewöhnlichen Charakteren. Im Laufe des Spiels kann man Kräuter sammeln, aromatischen Tee kochen und anderen Geistern bei alltäglichen Aufgaben helfen. Es gibt hier keine gewohnten Kämpfe oder die Notwendigkeit zu hetzen – stattdessen bietet das Spiel einen langsamen Rhythmus, in dem selbst das Teekochen zu einem kleinen Abenteuer wird. Eine warme Farbpalette und Illustrationen, die an die Seiten eines Kinderbuches erinnern, machen die Geschichte besonders passend für einen ruhigen Herbstabend.

Ein Abenteuer ohne Worte: Shapik: The Quest

Das zweite Projekt ist das gezeichnete Abenteuerspiel Shapik: The Quest des ukrainischen Entwicklers Pawel Podberezko. Der Protagonist Shapik begibt sich in einen geheimnisvollen Wald, um seine verschwundene Schwester zu finden, doch hinter den magischen Aussichten verbirgt sich eine Welt voller Geheimnisse, ungewöhnlicher Kreaturen und Gefahren. Während der Reise muss man Orte aufmerksam erkunden, versteckte Gegenstände finden und Rätsel lösen. Bemerkenswert ist, dass das Spiel keine Textdialoge enthält: Die Charaktere kommunizieren durch Gesten, Animationen und Bilder in Gedankenblasen. Jeder Hintergrund ist handgezeichnet, und die Musik hilft dabei, die Stimmung einzelner Episoden zu vermitteln. Nach Einschätzung der Autorin ist es gerade diese Andeutung – der Blick einer Figur, eine kaum merkliche Bewegung oder ein Detail im Hintergrund –, die Shapik in ein altes illustriertes Märchen verwandelt, in dem sich hinter schönen Zeichnungen zahlreiche Geheimnisse verbergen.

Der pixelige Weg zum Sommer: Summer Catchers

Der dritte Titel ist das Pixel-Abenteuer Summer Catchers des ukrainischen Studios FaceIT. Die Geschichte erzählt von dem kleinen Mädchen Chu, die in kalten nördlichen Regionen aufgewachsen ist und noch nie einen echten Sommer gesehen hat. Eines Tages beschließt die Heldin, in den Süden zu reisen, um die wärmende Sonne und das Meer zu erleben, und wählt als Fortbewegungsmittel ein kleines Holzauto. Auf ihrem Weg begegnet sie dunklen Wäldern, Sümpfen, riesigen Tälern und unterirdischen Städten. Das Spiel kombiniert Elemente aus Rennen, Arcade und Rätseln: Man muss Gegenstände rechtzeitig einsetzen, Hindernisse überwinden, das Auto verbessern und Aufgaben erfüllen, während man nach und nach neue Gebiete freischaltet. Der besondere Kontrast zwischen der Einfachheit eines Kindheitstraums und der Schwierigkeit des Weges dorthin lässt Summer Catchers wie ein kleines Märchen wirken, in dem hinter jeder Kurve eine neue Überraschung warten kann, so die Meinung der Autorin.

Science-Fiction mit menschlichem Gesicht: Echoes of the Sun

Das vierte Projekt versetzt den Spieler in eine fantastische Welt, die eine schreckliche Katastrophe überlebt hat – die Explosion der Sonne. Die Hauptheldin Mia findet sich inmitten der Ruinen ihrer Heimatinsel wieder und begibt sich auf die Suche nach ihren Eltern, während sie gleichzeitig die zerstörte Umwelt wiederherstellt und schrittweise das Licht in eine vernarbte Welt zurückbringt. Im Gegensatz zu den vorherigen Spielen werden die Ereignisse hier aus der Ich-Perspektive gezeigt: Mia besitzt Telekinese, mit deren Hilfe sie Gegenstände bewegen, mit Mechanismen interagieren und Hindernisse überwinden kann. Eine besondere Rolle spielen Rätsel im Zusammenhang mit Sonnenenergie – der Spieler muss Lichtstrahlen lenken, magische Vorrichtungen aktivieren und die Umwelt wiederherstellen. Nach Einschätzung der Autorin macht die Kombination aus Science-Fiction und einer sehr menschlichen Geschichte dieses Abenteuer ungewöhnlich: Selbst mit der Macht, die Welt zu verändern, bleibt die Heldin ein Mädchen, das einen Verlust verarbeitet.

Der fünfte Akkord und die gemeinsame Handschrift ukrainischer Indie-Studios

Den Abschluss der im Styler-Titel genannten fünf Projekte bildet Back to Hearth, das zusammen mit den vier zuvor beschriebenen Spielen das Gesamtbild der ukrainischen Indie-Szene formt. Was diese Projekte verbindet, ist nicht das Genre, sondern der Ansatz: Die Entwickler setzen auf Atmosphäre, visuellen Stil und eine originelle Idee statt auf Umfang und Action. Gezeichnete und pixelige Welten, der Verzicht auf obligatorische Textlastigkeit, ein langsamer Rhythmus und berührende Geschichten über die Suche nach einem Zuhause sowie die Fürsorge für Nahestehende machen jedes Spiel zu einer eigenständigen Geschichte, in die man für einen langen Abend eintauchen möchte. Genau solche kleinen, aber ausdrucksstarken Arbeiten demonstrieren nach Ansicht der Redaktion, wie abwechslungsreich das ukrainische Gaming-Indie-Segment sein kann.