Der ukrainische Botschafter in der Türkei, Nariman Dschelal, offenbarte in einem Interview mit RBC-Ukraine Details zum informationellen Gegenüber zwischen Kiew und Moskau im türkischen Mediensystem. Laut dem Diplomaten fördert Russland gezielt in Ankara Narrative über die Krim und den „angeblich von der Ukraine gegen friedliche Bürger verursachten Schaden“, während die ukrainische Seite gezwungen ist, mit einer Propagandamaschine zu konkurrieren, die über ungleich größere Ressourcen verfügt. Dschelal betonte, dass es für die Ukraine von entscheidender Bedeutung ist, ständig im türkischen Informationsraum präsent zu sein, wo das Thema Krim aufgrund der historischen und kulturellen Verbindungen zwischen den beiden Ländern eine besondere Bedeutung hat.
Ressourcenasymmetrie: Diplomatie als Front
Dschelal zog eine direkte Parallele zwischen der militärischen Front und der informationellen: „Wie an der Front muss unser diplomatisches Team sehr erfinderisch sein und mit minimalen Ressourcen versuchen, ein maximales Ergebnis zu erzielen“. Seiner Aussage nach verfügt Russland über deutlich größere Möglichkeiten für die Durchführung von Medienkampagnen, die Organisation von Veranstaltungen und die Arbeit mit der öffentlichen Meinung. Die ukrainische Seite agiert dagegen unter Bedingungen strenger Ressourcenknappheit, was jede Initiative – von der Pressetour bis zur Veröffentlichung in einer türkischen Publikation – zum Ergebnis sorgfältiger Planung und mehrmonatiger Vorbereitung macht.
Bloger mit Millionen Followern und die Arbeit mit dem Publikum
Eine separate Richtung russischen Einflusses, auf die der Botschafter hinwies, ist die Arbeit mit Blogern, deren Publikum Millionen von Followern umfasst. Dschelal räumte ein, dass die von ihnen verbreiteten Lügen „manchmal für das Publikum attraktiv wirken“. Gleichzeitig bemerkte er, dass es in der Türkei eine bedeutende Gemeinschaft professioneller Journalisten gibt, die mit der Ukraine zusammenarbeiten, ihre Position verstehen und ihr mit Verständnis begegnen. Gerade über diese Kanäle, so der Diplomat, versucht Kiew, die alternative Version der Ereignisse in die türkische Gesellschaft zu tragen.
Das Problem der Kollaborateure und die Unmöglichkeit einer symmetrischen Antwort
Eine der schärfsten Asymmetrien im informationellen Gegenüber nannte Dschelal die Praxis Russlands, Kollaborateure aus den besetzten Gebieten in die Türkei zu bringen. „Die Russen haben die Möglichkeit, Kollaborateure zu bringen, die sagen: ‚Ich komme aus der Krim‘, ‚Ich komme aus Donezk‘, ‚Ich komme aus Lugansk‘ – und dann erzählen, wie schlecht die Ukraine und wie gut Russland ist“, erläuterte der Botschafter. Die Ukraine habe seiner Aussage nach keine Möglichkeit, proukrainische Bewohner der Krim, der Donezker und der Lugansker Oblast nach demselben Muster zu präsentieren, da diese Menschen nach der Rückkehr in die besetzten Gebieten der Gefahr von Folter, Inhaftierung oder Entführung ausgesetzt wären. „Wir können nicht mit Menschenleben riskieren“, betonte der Diplomat.
Pressetour als Instrument der „Wahrheit vor Ort“
Im Mai 2026 organisierte die Ukraine mit Unterstützung europäischer Partner eine Pressetour für türkische Journalisten. Laut Dschelal konnten die Teilnehmer die Lage im Land mit eigenen Augen sehen, darunter auch einem der massiven russischen Beschuss ausgesetzt sein und mit den Einwohnern vor Ort sprechen. Solche Initiativen seien, so die Einschätzung des Botschafters, eines der wenigen wirksamen Instrumente, die es der ukrainischen Seite ermöglichen, mit den ausgereiften Propagandaschemata Moskaus bei begrenztem Budget zu konkurrieren.
„Wir können uns nicht leisten zu lügen“
Im Abschluss seiner Darstellung der Strategie der informationellen Präsenz formulierte Nariman Dschelal das Schlüsselprinzip, das die ukrainische Position von der russischen Propaganda unterscheidet: „Wir können uns nicht leisten zu lügen. Und die Lüge wirkt leider sehr oft einfacher, heller und attraktiver als die Wahrheit“. Die Aufgabe Kiews bestehe, so seine Worte, darin, dass die Wahrheit über die Krim, über ihre Militarisierung und darüber, was Russland mit der Halbinsel während der Jahre der Besatzung getan hat, „ständig im türkischen Informationsraum zu hören ist“. Dschelal erinnerte auch daran, dass viele türkische Bewohner den Zusammenhang zwischen der jetzigen Lage der Krim und den jahrelangen Aktionen Russlands verstehen, die die Halbinsel in eine Militärbasis verwandelten, jedoch reiche diese Aufklärung ohne ständige informationelle Begleitung nicht aus.