Venezuela befindet sich weiterhin im Ausnahmezustand nach einer Serie heftiger Erdbeben, die vergangene Woche stattfanden. Die Lage in den betroffenen Regionen bleibt kritisch: Die Zahl der Todesopfer steigt, und die Lebenshaltungssysteme stehen kurz vor dem Zusammenbruch. Neue Daten, die durch Satellitenüberwachung gewonnen wurden, zeichnen ein Bild einer Katastrophe, deren Ausmaß erheblich größer sein könnte als bisher angenommen.
Rücksichtslose Statistik: Tausende Opfer und Vermisste
Laut den neuesten offiziellen Angaben beläuft sich der von der Natur verursachte Schaden auf Tausende von Menschenleben. Infolge zweier starker Erdstöße sind bereits mindestens 1943 Menschen ums Leben gekommen. Mehr als 10.757 Einwohner erlitten Verletzungen unterschiedlicher Schwere. Noch beunruhigender ist der Status von Zehntausenden Menschen, die als vermisst gelten. Mit hoher Wahrscheinlichkeit befinden sie sich unter den Trümmern zerstörter Gebäude.
Das UN-Flüchtlingshilfswerk und die Internationale Organisation für Migration (IOM) warnten vor einer humanitären Katastrophe. Nach ihren Schätzungen könnten bis zu 6,8 Millionen Menschen von den Folgen der Naturkatastrophe betroffen sein. Millionen von Menschen haben einen akuten Bedarf an Unterkünften, sauberem Wasser, funktionierenden Abwassersystemen, medizinischer Versorgung und Grundbedürfnissen.
Kluft zwischen offiziellen Daten und Satellitenanalyse
Die Einschätzung des Ausmaßes der Zerstörung führt zu erheblichen Meinungsverschiedenheiten zwischen den offiziellen Behörden und unabhängigen Forschern. Am Montag erklärte Jorge Rodríguez, der Vorsitzende der Nationalversammlung Venezuelas, dass infolge der Erdbeben 855 Gebäude beschädigt wurden, von denen 189 vollständig eingestürzt sind.
Diese Zahlen erscheinen jedoch im Vergleich zu den aus dem Weltraum gewonnenen Daten unverhältnismäßig bescheiden. Wie die Zeitung The Guardian feststellt, deutet die erste Auswertung der Satellitendaten der NASA auf die Möglichkeit deutlich schwerwiegenderer und umfangreicherer Zerstörungen hin.
Forscher der Oregon State University analysierten hochauflösende Radaraufnahmen und kamen zu einem schockierenden Schluss: Vermutlich wurden etwa 58.870 Gebäude in der betroffenen Region beschädigt oder vollständig zerstört. Diese Zahl übersteigt die offiziellen Aussagen der Behörden um ein Vielfaches.
Gefahr von Epidemien und wirtschaftlicher Schaden
Neben der physischen Zerstörung der Infrastruktur steht die Welt vor der Gefahr von Ausbrüchen von Infektionskrankheiten. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) hat Alarm geschlagen: Die überlasteten und beschädigten medizinischen Einrichtungen Venezuelas haben große Schwierigkeiten, mit dem Zustrom der Verletzten fertig zu werden, was ideale Bedingungen für die Ausbreitung von Krankheiten schafft.
Zur Erinnerung: Die Katastrophe ereignete sich am 24. Juni im Norden des Landes. Innerhalb einer Minute erlebte die Region zwei starke Stöße: den ersten mit einer Stärke von 7,2 und den zweiten mit einer Stärke von 7,5. Nach vorläufigen Schätzungen der UNO waren fast 2 Millionen Gebäude betroffen, und der materielle Schaden wird auf 6,7 Milliarden Dollar geschätzt.