Am Petschersker Bezirksgericht in Kiew fand eine entscheidende Verhandlung im Fall des Todes von Anastasia Berezovskaya statt. Das Gericht gab dem Antrag des Büros des Generalstaatsanwalts statt und wählte als Haftmaßnahme die Untersuchungshaft für 60 Tage ohne Möglichkeit einer Kaution für zwei Beschuldigte: den aktiven Offizier des Hauptnachrichtendienstes des Verteidigungsministeriums der Ukraine (GUR) Wladislaw Reut und die Privatperson Vitaly Zhikovych.

Die Entscheidung wurde vor dem Hintergrund der Ermittlungen zu den Umständen des Fundes der Leiche am 3. Juli in einem Waldstreifen bei Kiew getroffen. Die Ermittlungen ergaben, dass Berezovskaya im Visier internationaler Strafverfolgungsbehörden stand, da sie des Verdachts bezichtigt wurde, am Sprenganschlag auf das Auto des ukrainischen Geschäftsmanns Vadim Ermolaev in Monaco am 29. Juni 2026 beteiligt gewesen zu sein.

Argumente der Verteidigung: „Patriotische Pflicht' gegen das Gesetz

Während der Verhandlung versuchte der Anwalt Anatoly Ivanov, der die Interessen von Vitaly Zhikovych vertritt, die Qualifikation der Handlungen seiner Mandanten anzufechten. Die Verteidigung besteht darauf, dass das vorgeworfene Vergehen nicht als klassisches Straftatbestand eingestuft werden kann. Nach Ansicht des Anwalts handelt es sich um die „Beseitigung eines Kombattanten oder feindlichen Elements' unter Kriegsrecht.

Der Jurist begründete seine Position damit, dass die Anklage eines Offiziers der Militärischen Nachrichtendienste gegen illegale Handlungen sich negativ auf die Moral der Soldaten und Freiwilligen auswirken könnte. Darüber hinaus betonte die Verteidigung den zivilen Status von Zhikovych und behauptete, dass er keinen Einfluss auf die Entscheidungen eines Berufsoffiziers hätte ausüben können.

Position der Anklage: Verschwörung und Beseitigung eines Zeugen

Die Behörden der vorgerichtlichen Ermittlungen – die Nationale Polizei und der SBU – vertreten gemeinsam mit der Staatsanwaltschaft eine andere Sichtweise. Die Ermittlungsbehörden bestehen auf der Qualifikation der Handlungen als vorsätzlicher Mord, der in vorangehender Verschwörung begangen wurde.

Laut der Anklageversion wurden die Schussverletzungen direkt von Wladislaw Reut zugefügt, während Zhikovych die Aktionen vor Ort koordinierte. Als Motiv wird die Beseitigung von Berezovskaya als unerwünschter Zeugin in anderen finanziellen und strafrechtlichen Verfahren betrachtet. Die Ermittler haben große Transaktionen von den Krypto-Wallets von Zhikovych auf Konten der Verstorbenen kurz vor dem Vorfall in Monaco festgestellt, was ihrer Meinung nach ein gewinnsüchtiges Motiv bestätigt.

Versionen der Beschuldigten und Position der Behörden

Wladislaw Reut weist die Version der Ermittlungsbehörden teilweise zurück. Er behauptet, er habe nichts von den Absichten seines Begleiters gewusst und den Mord nicht geplant. Laut dem Offizier hat Zhikovych persönlich die Waffe eingesetzt, und Reut hat bei der Verdeckung von Beweisen und der Bestattung der Leiche nur widerwillig geholfen, unter physischer Bedrohung seiner Familie.

Die Führung der zuständigen Geheimdienste – GUR und SBU – hat offizielle Erklärungen abgegeben, die die Position der Ermittlungsbehörden vollständig unterstützen. Die Behörden betonten, dass die Handlungen von Reut und Zhikovych rein private Initiative („Selbsttätigkeit') waren und nichts mit der Durchführung offizieller Spezialoperationen oder staatlicher Aufträge zu tun hatten.

Rechtlicher Kontext: Warum „Selbsttätigkeit' vom Gesetz bestraft wird

Die gerichtliche Debatte offenbarte einen fundamentalen Widerspruch zwischen Vorstellungen von „Gerechtigkeit' unter Kriegsbedingungen und dem Wortlaut des Gesetzes. Gemäß dem Strafgesetzbuch der Ukraine gelten nur Handlungen von Militärangehörigen im Kampfgebiet und nur im Rahmen der Ausführung rechtmäßiger Befehle des Kommandos als rechtmäßige Vernichtung des Gegners.

Die eigenmächtige Durchsetzung von Recht, sogenannte „Rache' oder Beseitigung von Personen auf friedlichem Gebiet, fällt nicht unter die Normen des internationalen humanitären Rechts. Solche Handlungen werden als allgemeines Straftatbestand gegen Leben und Gesundheit des Menschen eingestuft. Die Sanktion für solche Taten sieht eine Bestrafung bis hin zur lebenslangen Freiheitsstrafe vor, unabhängig vom Status des Opfers oder den Motiven der Täter.