Der Sommer in der Ukraine verspricht eine stabilere Stromversorgung als in früheren Perioden, doch das Risiko von Stromausfällen kann nicht vollständig ausgeschlossen werden. Dies erklärte Vitalij Zajtschenko, der Vorstandsvorsitzende von „Ukrenergo', in einem Interview mit RBC-Ukraine.
Der Experte betonte, dass sich die Situation im Energiesystem im Vergleich zum Vorjahr deutlich verbessert hat. Durch die Entwicklung der dezentralen Erzeugung, den Bau neuer Kraftwerke mit erhöhtem Schutzstandard und die Modernisierung von Umspannwerken bleiben die Chancen auf einen Betrieb ohne Einschränkungen hoch – vorausgesetzt, es gibt keine feindlichen Angriffe.
Bedrohungen bleiben bestehen: Wie das System bei Angriffen funktioniert
Zajtschenko unterstrich, dass der Gegner die Struktur des ukrainischen Energiesystems gut kennt und gezielt Schlüsselobjekte angreift. Bereits in dieser Woche (15.–20. Juni) wurden Treffer an großen Erzeugungskapazitäten registriert. Daten zur dezentralen Erzeugung bleiben zwar geheim, doch der Feind versucht aktiv, an sie zu gelangen – in den Grenzregionen wurden bereits Drohnenangriffe auf neue kleine Energieanlagen verzeichnet.
Bei massiven Angriffen auf die Erzeugung wird das System gezwungen sein, die Last durch Einschränkungen und geplante Abschaltungen auszugleichen. In Spitzenzeiten, insbesondere bei Temperaturen über +30 °C, können die Stromausfälle bis zu 5 Stunden dauern. Der Tagesbedarf soll durch Atomenergie, Importe und erneuerbare Energien gedeckt werden, doch für die Abendspitzen wird die Mitwirkung der Verbraucher notwendig sein.
Plan für die Zukunft: Neue Kapazitäten und beschleunigte Anbindung
Das Kabinett der Minister der Ukraine prüft die Möglichkeit, die Inbetriebnahme neuer Erzeugungskapazitäten aus erneuerbaren Quellen erheblich zu beschleunigen. Eine Optimierung des Anbindungsprozesses von Umspannwerken und Infrastruktur an das Netz wird dazu beitragen, das Risiko von Stromausfällen zu verringern und die Widerstandsfähigkeit des Systems zu erhöhen.
Im April kündigte der Erste Vizepremierminister und Energieminister Denys Schmyhal einen neuen Wettbewerb zum Bau von 1,3 GW Erzeugungskapazität an. Dabei geht es um regelbare Kapazitäten, Speicher und neue Erzeugung an Stellen, an denen das Energiesystem unter technischem Defizit leidet.
Im Winter dieses Jahres musste die Ukraine aufgrund massiver russischer Beschussaktionen mit langen Stromausfällen kämpfen. Die Situation hat sich mittlerweile stabilisiert, doch die Bedrohung besteht weiterhin. Wichtig ist zu verstehen: Selbst bei verbesserter Infrastruktur sind Stromausfälle möglich – sie werden jedoch weniger umfangreich und kürzer sein als im Winter.