Am Sonntag, dem 7. Juni, steht Armenien im Mittelpunkt der globalen Politik. In der Republik finden Parlamentswahlen statt, deren Ergebnisse den Entwicklungskurs des Landes grundlegend verändern könnten. Die Hauptfrage des Wettlaufs lautet: Wird der amtierende Premierminister Nikol Paschinjan die Macht behalten und den Kurs auf eine Annäherung an den Westen unter starkem Druck aus Russland aufrechterhalten können?
Der Kampf um die Mehrheit und der hybride Krieg
Laut dem armenischen Politikwissenschaftler Stepan Grigorian wird für die regierende Partei nicht einfach nur der Sieg, sondern die Erlangung einer verfassungsmäßigen Mehrheit zum entscheidenden Erfolgsfaktor. „Ob es mehr als 50 % der Stimmen sein werden oder nicht, ist bereits eine Frage. Denn es findet ein schwerer Kampf statt, angesichts der Tatsache, dass Russland verschiedene Methoden des hybriden Krieges anwendet“, so der Experte.
Die Situation auf dem Wahlkampf bleibt angespannt. Laut jüngsten Umfragen haben etwa ein Drittel der Wähler noch keine endgültige Entscheidung getroffen. Der Politikwissenschaftler Ruben Megrabjan erklärt dies durch die Ambivalenz der Stimmung in der Gesellschaft:
- Ein erheblicher Teil der Bürger bleibt unpolitisch und plant nicht, an der Wahl teilzunehmen.
- Ein anderer Teil der Wähler hat sich bereits entschieden, ist aber noch nicht bereit, seine Unterstützung offen zu bekunden.
Enttäuschung über Reformen und Alternativen
Obwohl der Druck aus Russland die pro-europäisch gesinnte Bevölkerung mobilisieren könnte, zeichnet sich in den Reihen der Anhänger Paschinjans eine Spaltung ab. Ruben Megrabjan stellt fest, dass ein Teil der Bürger, die die Europäisierung unterstützen, skeptisch gegenüber den Handlungen der aktuellen Regierung geworden ist.
Grund für die Unzufriedenheit ist die Langsamkeit bei der Umsetzung innerstaatlicher Reformen. Diese Wähler sind nicht bereit, für pro-russische Kräfte zu stimmen, eilen aber auch nicht, Paschinjan ihr Vertrauen zurückzugeben. Sie betrachten alternative Parteien, die einen Kurs nach Westen vorschlagen, aber als Opposition auftreten.
„Es gibt einen Segment, das aufgrund der Langsamkeit bei den Reformen vom amtierenden enttäuscht wurde. Sie werden nicht für diese Putinisten stimmen, aber die Frage ist, ob sie zur Wahl kommen. Wenn sie kommen, für wen werden sie dann stimmen“, fasste der Politikwissenschaftler zusammen.
Geopolitische Konfrontation: Von Drohungen bis zur Unterstützung
Der Kontext der Wahlen geht weit über die Innenpolitik Armeniens hinaus. Das Land ist von einem wahren Sturm geopolitischer Intrigen erfasst. Das Nachrichtenagentur Reuters berichtete unter Berufung auf westliche Nachrichtendienste über Versuche Russlands, die Wahlergebnisse zugunsten pro-russischer Kräfte zu beeinflussen. Moskau weist diese Vorwürfe kategorisch zurück.
Der Druck auf Jerewan hat sich vor dem Hintergrund der Bestrebungen Armeniens, die Zusammenarbeit mit der Europäischen Union zu vertiefen, verstärkt. Die russische Seite nutzt wirtschaftliche Waffen:
- Der russische Energieminister Sergei Tsivilev warnte vor einer möglichen Einstellung der vergünstigten Lieferungen von Gas, Erdölprodukten und Diamanten.
- Der stellvertretende Außenminister Russlands Michail Galuzin erklärte, dass der Kurs auf die Europäisierung für Moskau „absolut inakzeptabel“ sei und den Verpflichtungen im Rahmen der Eurasischen Wirtschaftsgemeinschaft widerspreche.
Die härtesten Signale kamen vom Präsidenten Wladimir Putin. Er warnte Paschinjan vor einer weiteren Annäherung an die EU und drohte mit dem sogenannten „ukrainischen Szenario“. Der russische Staatschef forderte Jerewan auf, seine außenpolitischen Entscheidungen mit dem Kreml abzustimmen.
Dem gegenüber zeigt der Westen Entschlossenheit, Jerewan zu unterstützen. Der US-Präsident Donald Trump sprach dem amtierenden Premierminister Nikol Paschinjan „volle und bedingungslose Unterstützung“ aus und nannte ihn einen „wunderbaren Freund und Führer“. Somit setzt Armenien am 7. Juni auf sein Schicksal unter Bedingungen, bei denen der Preis eines Fehlers fatal werden könnte.