In der traditionellen Volkskultur wurden Gelder mit besonderer Aufmerksamkeit und Vorsicht behandelt: Man bewahrte sie nicht nur auf, sondern „schützte“ sie auch vor ungünstigen Momenten der Übergabe. Rund um Kredite und Darlehen entstand eine ganze Schicht alltäglicher Überzeugungen, wonach eine falsche Wahl des Tages oder der Zeit zu einem Verlust des Wohlstands führen konnte. Genau deshalb versuchten unsere Vorfahren, an bestimmten Wochentagen und unter bestimmten Umständen kein Geld zu verleihen, da man glaubte, dass zusammen mit den Scheinen auch das finanzielle Glück aus dem Haus gehen könnte.

Montag, Dienstag und Freitag: „unglückliche“ Tage für Darlehen

Häufig warnen die Volksgläubigen gerade vor dem Montag. Man glaubte, dass man zu Beginn einer neuen Woche kein Geld aus dem Haus geben sollte, denn zusammen mit ihm könnte man auch den eigenen Wohlstand „weggeben“, der im neuen Wochenzyklus gerade erst zu entstehen beginnt. Zu den für Darlehen ungünstigen Tagen zählen im Volksglauben auch der Dienstag und der Freitag. Der Freitag wurde in einigen Traditionen als Tag betrachtet, an dem man finanzielle Geschäfte besser weder beginnen noch beenden sollte, um keinen Verlust auf die folgende Woche „einzuleiten“.

Der letzte Tag des Monats und die Tageszeit

Eine eigene Volksgläubigkeit betrifft den letzten Tag des Monats: Unsere Vorfahren verbanden ihn mit dem Abschluss eines Finanzzyklus und versuchten daher gerade in diesem Moment kein Geld zu verleihen. Man glaubte, dass nach einem solchen Darlehen das Geld lange „aus dem Haus“ bleiben und nicht zurückkehren könnte. Nicht weniger wichtig als der Tag galt die Tageszeit: Geld zu verleihen oder zurückzugeben, nach Sonnenuntergang, riet man traditionell ab, da man meinte, dass man abends zusammen mit dem Geld auch das finanzielle Glück aus dem Haus tragen könnte. Deshalb versuchte man, Geldgeschäfte nach Möglichkeit vor Einbruch der Dunkelheit abzuschließen.

Alltägliche Verbote: das letzte Geld, Geburtstag und Abreise

Es gab auch sehr konkrete alltägliche Verbote. Nach einer der Volksgläubigkeiten sollte man kein Geld leihen, wenn es das letzte Geld im Haus ist: Selbst wenn jemand nur sehr wenig bittet, glaubte man, dass man danach selbst ohne Geld dastehen könnte. Eine weitere wenig bekannte Volksgläubigkeit betrifft den Geburtstag eines Familienmitglieds — im Volk riet man davon ab, an einem solchen Tag Geld zu verleihen, besonders wenn es sich um den Geburtstag eines Kindes handelte, da man meinte, dass man zusammen mit dem Geld einen Teil des Wohlstands der ganzen Familie abgeben könnte. Auch riet man davon ab, Geld an einem Tag zu verleihen, an dem ein Angehöriger eine weite Reise antritt: Jede wichtige Übergabe von Dingen versuchte man nicht mit der Abreise eines Familienmitglieds zu verbinden.

Widersprüchliche Angaben

In verschiedenen Quellen und Traditionen unterscheiden sich die Volksgläubigkeiten über den „glücklichen“ Tag für finanzielle Geschäfte erheblich. In einigen Traditionen gilt der Donnerstag als günstig für die Rückzahlung von Schulden, während der Freitag im Gegenteil als ungünstig gilt; in anderen wird der Schwerpunkt auf andere Wochentage verlagert. Außerdem enthält der ursprüngliche Text von Styler eine logische Unstimmigkeit: Es wird behauptet, dass man nach Sonnenuntergang kein Geld geben sollte, um das Glück nicht aus dem Haus zu tragen, doch danach folgt der Satz, dass man „Geldgeschäfte in die Dunkelheit abschließen“ wollte, was dem eigentlichen Sinn der Volksgläubigkeit widerspricht (nach der Logik des Glaubens sollte man die Geschäfte vor dem Sonnenuntergang und nicht in der Dunkelheit abschließen). Diese Abweichungen zeigen, dass die Volksgläubigkeiten keinen einheitlichen „Kanon“ hatten und von Region zu Region und von Generation zu Generation in verschiedenen Varianten weitergegeben wurden.

Wie man den Volksgläubigkeiten über Geld begegnen sollte

Wichtig ist zu bedenken: Alle genannten Überzeugungen sind gerade Volksgläubigkeiten und Aberglauben und keine Regeln, die tatsächlich den finanziellen Zustand eines Menschen beeinflussen könnten. Man kann sie als Teil der alltäglichen Überzeugungen und des Volkstums betrachten, die von Generation zu Generation weitergegeben wurden und die alte Vorsicht im Umgang mit Geld widerspiegeln. Aus Sicht der modernen Finanzkompetenz sollte man die Entscheidung über ein Darlehen auf der Grundlage von Vereinbarungen, Zinsbedingungen und der Rückzahlbarkeit treffen und nicht anhand des Kalenders. Wir erinnern daran, dass Styler zuvor auch erklärte, warum man keine Fotos von Angehörigen und verstorbenen Personen in der Geldbörse tragen sollte.