Erfahrene Autofahrer, die in ihrem Leben Dutzende von Fahrzeugen gewechselt haben, behaupten Dinge, die schwer zu glauben sind: Auf dem modernen Autohandel ist es praktisch unmöglich, ein Fahrzeug mit ehrlicher Laufleistung zu finden. Wenn dies wirklich der Fall ist, stellt sich die logische Frage: Wie wählt man dann ein gebrauchtes Auto aus, ohne auf „abgenutzte' Technik hereinzufallen?

Die Statistik des ukrainischen Gebrauchtwagenmarktes zeigt ein auf den ersten Blick erstaunliches Einverständnis. Die überwältigende Mehrheit der zum Verkauf stehenden Fahrzeuge weist eine Laufleistung im Bereich von 180.000 bis 220.000 Kilometern auf. Für diejenigen, die sich nicht mit der Soziologie des Automobilmarktes beschäftigen, wirkt eine solche Konzentration von Fahrzeugen mit gleichem Kilometerstand verdächtig.

Noch seltsamer wird es beim Preisvergleich. Beim Vergleich von Angeboten auf ukrainischen und europäischen Plattformen stellt sich heraus, dass Fahrzeuge mit einer solchen Laufleistung in Europa deutlich teurer sind. Das Paradoxon besteht darin, dass genau diese Autos aus Europa nach Ukraine importiert werden, um sie dort weiterzuverkaufen.

Warum Autos in Europa „länger leben'

Die Antwort liegt in der Mentalität der Besitzer. In den entwickelten Ländern Europas verkaufen pragmatische Autobesitzer selten Fahrzeuge mit geringer Laufleistung, da sie versuchen, das Geld, das sie in den Kauf eines neuen Autos investiert haben, vollständig zu amortisieren. Der erste Besitzer im Ausland schafft es in der Regel, bis zum Zeitpunkt des Verkaufs zwischen 300.000 und 400.000 Kilometer zurückzulegen.

Hieraus ergibt sich die Hauptfrage: Woher kommt in der Ukraine diese Fülle an Pkw mit einer „goldenen' Laufleistung von 200.000 Kilometern, die zudem zu attraktiven Preisen angeboten werden? Die Antwort ist einfach und etwas beängstigend: Diese Werte sind „Made in Ukraine'. In der Realität werden solche Fahrzeuge aus stärker abgenutzten Exemplaren durch Datenkorrektur „erschaffen'.

Psychologie der Laufleistung und technische Risiken

Beim Kauf eines Gebrauchtwagens stützt sich der Käufer auf zwei Hauptfaktoren: Alter und Laufleistung. Das Alter ist wichtig für die Bewertung des Zustands der Karosserie und der Degradation der Traktionsbatterie (bei Hybriden und Elektrofahrzeugen). Bei diesem Indikator ist alles transparent – das Produktionsdatum zu fälschen ist extrem schwierig.

Die Laufleistung hingegen spiegelt den Zustand der Aggregate wider: Motor, Getriebe, Fahrwerk und Steuerungssysteme. Die Hersteller berechnen die Lebensdauer dieser Komponenten auf eine bestimmte Laufleistung – je nach Fahrzeugklasse zwischen 200.000 und 500.000 Kilometern. Nach Überschreiten dieser Schwelle erfordern die Mechanismen eine kostspielige Generalüberholung.

Jeder Besitzer versucht, das Auto vor diesem Zeitpunkt zu verkaufen, um keine Kosten zu tragen. Infolgedessen hat sich auf dem Markt ein sogenannter „psychologischer Schwellenwert' gebildet. In der Ukraine liegt dieser für Fahrzeuge im Alter von 5 bis 7 Jahren bei 200.000 Kilometern. Verkäufer können dem Verlockung oft nicht widerstehen, die Odometeranzeige an diesen „perfekten' Standard anzupassen, um das Auto schneller zu verkaufen.

Ist das Zurückdrehen des Tachometers legal?

Das Korrigieren der Odometeranzeige scheint offensichtlich Betrug zu sein. Aus juristischer Sicht ist die Situation jedoch mehrdeutig. Der Anwalt Jewgeni Bulimenko stellt fest, dass es hier keine direkte Gesetzesverletzung gibt.

„Streng genommen müssen alle technischen Merkmale und der Zustand des Fahrzeugs im Vertrag festgehalten werden. Dies ist eine Frage an den Käufer, wie er die Wahrheit der Laufleistung überprüfen wird', erklärt der Jurist.

Theoretisch kann der Versuch unternommen werden, den Vertrag anzufechten, indem man sich auf die Artikel 229 und 230 des Bürgerlichen Gesetzbuchs beruft (Geschäfte unter dem Einfluss von Täuschung). In der Praxis ist dies jedoch extrem schwierig: Der Käufer muss dem Gericht unbestreitbare Beweise dafür vorlegen, dass der Verkäufer Mängel des Fahrzeugs vorsätzlich verschwiegen hat.

Wie die tatsächliche Laufleistung verschleiert wird

Von der technischen Seite aus ist das Zurückdrehen des Kilometerzählers kein Problem. Die Dienstleistungen zur Korrektur kosten etwa 200–300 Euro, oder man kann ein spezialisiertes Gerät kaufen, wie zum Beispiel den Mileage Master, der an den OBD-Anschluss angeschlossen wird.

Es wird jedoch immer schwieriger, dies für einen professionellen Gutachter unbemerkt zu lassen. Ein wichtiger Aspekt ist, dass bei den meisten modernen Modellen die Laufleistung nicht nur am Armaturenbrett gespeichert wird. Die Daten werden in mehreren Steuergeräten dupliziert: im Speichermodul, im Motorlaufzeitmesser, im Getriebesteuergerät und im Klimasteuergerät. Genau die Diskrepanz der Daten in diesen Speicherzellen verrät oft die Fälschung.