Die Spieleindustrie steht vor einer der größten Erschütterungen der letzten Jahre. Laut dem Fachmagazin The Verge erwägt die neue Führungsspitze von Xbox, angeführt von Asha Sharma, der Geschäftsführerin von Microsoft Gaming, ein Szenario einer radikalen Restrukturierung. Die Pläne des Konzerns sehen die Schließung oder erzwungene Veräußerung von mindestens fünf Tochterstudios vor. Im Zentrum der möglichen Auflösung steht das französische Studio Arkane Studios (Lyon), und zusammen mit ihm gerät auch das hochbudgetierte Projekt Marvel’s Blade in Gefahr.

Finanzkrise: 20 Milliarden Dollar ohne Gewinn

Die Gründe für derart harte Maßnahmen liegen in den finanziellen Kennzahlen der Abteilung. Laut einem internen Memorandum von Asha Sharma, das im Juni 2026 an die Mitarbeiter versendet wurde, erwies sich die Strategie des aggressiven Wachstums als wirtschaftlich ineffizient. In den letzten fünf Jahren investierte Microsoft mehr als 20 Milliarden Dollar in Spieleinhalte, Plattformen und die Subventionierung von Konsolen (ohne Berücksichtigung des Deals mit Activision Blizzard). Anstatt eines Gewinnanstiegs verzeichnete das Unternehmen jedoch einen Rückgang des jährlichen operativen Umsatzes von Xbox um fast 500 Millionen Dollar.

Die Geschäftsführung kam zu dem Schluss, dass das aktuelle Entwicklungsmodell unrentabel ist. Um die finanzielle Selbstständigkeit zu erreichen, muss die Abteilung dringend ihre Vermögenswerte optimieren und die Entwicklungskosten senken.

Marvel’s Blade und das Problem von Arkane Studios

Der unmittelbare Auslöser für die mögliche Schließung der Niederlassung von Arkane Studios in Lyon waren Probleme mit dem Projekt Marvel’s Blade. Interne Quellen berichten, dass die Entwicklung des Action-Abenteuers außer Kontrolle geriet. Der ursprünglich für Ende 2026 geplante Veröffentlichungstermin des Spiels wurde auf das vierte Quartal 2027 verschoben. Darüber hinaus überstiegen die aktuellen Entwicklungskosten die genehmigten Budgetgrenzen erheblich.

Falls Microsoft keinen Käufer für das Studio findet oder das Projekt nicht restrukturiert werden kann, wird das Spiel im Marvel-Universum offiziell annulliert und das Studio geschlossen.

Liste der Bedrohten: Wer könnte noch gehen?

Neben Arkane Studios gerieten noch vier weitere Abteilungen auf die Liste der potenziellen Restrukturierungsobjekte. Der Konzern erwägt sowohl die vollständige Schließung als auch die Ausgliederung dieser Studios in unabhängige Unternehmen (Spin-offs):

  • Compulsion Games (Entwickler von South of Midnight) — das Personal wurde bereits teilweise über die Risiken eines Betriebsstillstands aufgrund hoher kommerzieller Risiken der aktuellen Veröffentlichung informiert.
  • Double Fine Productions (Schöpfer von Psychonauts 2) — der Konzern führt Konsultationen über den Rückkauf der eigenen Anteile durch das Management.
  • Ninja Theory (Hellblade-Serie) — ebenfalls wird ein Szenario eines unabhängigen Rückkaufs durch das Management erwogen.
  • Undead Labs (Entwickler von State of Decay 3) — aufgrund der niedrigen Margen des langen Entwicklungszyklus wird über Investmentbanken nach einem externen Käufer gesucht.

Folgen für die Mitarbeiter und Reaktion der Gewerkschaften

Die offizielle Ankündigung der massiven Wellen von Entlassungen ist für den 6. Juli 2026 geplant. Die Kürzungen könnten mehr als 1000 Mitarbeiter in verschiedenen Strukturen von Xbox betreffen. Dies wäre die fünfte große Runde der Personaloptimierung nach der Fusion mit Activision Blizzard.

Der Gewerkschaftsverband Communications Workers of America (CWA), der die Interessen von mehr als 3500 Mitarbeitern vertritt, hat bereits eine Erklärung abgegeben. Die Organisation bereitet kollektive Verhandlungen vor, um den Personalverlust zu minimieren und feste Garantien für Abfindungen zu erhalten. Die Gewerkschaft betont, dass Massenentlassungen vom Management ausschließlich als letztes Mittel betrachtet werden sollten.

Rechtlicher Aspekt

Von rechtlicher Sicht haben große transnationale Holdinggesellschaften das Recht, interne Restrukturierungen und die Liquidierung unrentabler Vermögenswerte durchzuführen, um die Bilanz gemäß den Vorschriften der USA und der EU zu optimieren. Microsoft muss jedoch die Verfahren zur vorherigen Unterrichtung des Personals und die Regeln für die Zusammenarbeit mit Gewerkschaftsorganisationen einhalten. Somit scheint das Szenario, bei dem Microsoft auf einige seiner ehrgeizigen Projekte verzichtet, um die finanzielle Stabilität zu wahren, unvermeidlich.