Der südkoreanische Aktienmarkt erlebte eines der schwersten Episoden seiner Geschichte. Am 28. und 29. Juli verlor der Kospi-Index 16 % seines Wertes, und die Börsenhandelsaktivitäten wurden zweimal aufgrund des Auslösens von Sicherheitsmechanismen ausgesetzt. Die Ursache für die massive Veräußerung waren Zweifel der Anleger an der Rentabilität von Investitionen in die Infrastruktur für künstliche Intelligenz sowie ein starker Anstieg des Wettbewerbs im Sektor der Speicherproduktion.
Dominoeffekt des chinesischen IPO
Der Druck auf die Aktien von Speicherherstellern begann bereits einen Tag vor dem südkoreanischen Absturz. Am 27. Juli führte das Unternehmen CXMT sein IPO an der Shanghai Stock Exchange durch. Die Aktien des Unternehmens stiegen am ersten Handelstag um 466 %, und die Marktkapitalisierung überstieg 488 Milliarden US-Dollar, was das Unternehmen zum wertvollsten Vermögenswert am chinesischen Markt machte. Die rekordverdächtige Kapitalaufnahme für den Halbleitorsektor Chinas belief sich auf 8,6 Milliarden US-Dollar.
Der Erfolg des chinesischen Konkurrenten traf die globalen Marktführer der Branche hart. Der MSCI-Industrieindex für Informationstechnologie in der asiatisch-pazifischen Region (ohne Japan) verlor 4,7 %. In New York fielen die Aktien der US-Giganten Micron und SanDisk um 5 % bzw. 12 %, während die Papiere von SK Hynix in Seoul um 8,5 % einbrachen.
Rekordgewinn, aber nicht der erwartete
Einen zusätzlichen Schlag gegen den koreanischen Markt verursachte die Veröffentlichung des Berichts von SK Hynix am 28. Juli. Der operative Gewinn des Speicherherstellers erreichte einen Rekordwert von 60,54 Billionen Won (41,25 Milliarden US-Dollar) und zeigte ein Wachstum von 557 % im Vergleich zum Vorjahr. Dieses Ergebnis fiel jedoch unter den Konsensprognose der Analysten von 64 Billionen Won. Gleichzeitig kündigte das Unternehmen an, seine Investitionsausgaben auf 31 Milliarden US-Dollar zu erhöhen.
Der Markt reagierte negativ auf die Nachrichten: Die Aktien stürzten um 15 % ab und setzten ihren Abwärtstrend am folgenden Tag fort. Dies ist für den Kospi-Index von kritischer Bedeutung, da SK Hynix und Samsung Electronics etwa die Hälfte seiner Marktkapitalisierung ausmachen. Laut Berechnungen von Reuters entfielen an einzelnen Tagen dieses Jahres mehr als 80 % des Handelsvolumens auf diese beiden Papiere. Beide Unternehmen wuchsen zuvor auf der Welle der Nachfrage nach Speicher für KI-Rechenzentren: SK Hynix produziert HBM-Chips für Beschleuniger, während Samsung ein wichtiger Auftragsfertiger bleibt.
Die Falle der Hebel-Fonds
Die Handelsmechanik verschärfte die Situation. Bis Ende Mai gab es in Südkorea keine einseitigen Hebel-Fonds, doch am 27. Mai starteten die Regulierungsbehörden 16 eigene Produkte, um Anleger auf den inländischen Markt zurückzuholen. Die Vermögenswerte solcher Fonds wuchsen auf 50 Milliarden US-Dollar. Die Netto-Käufe privater Anleger beliefen sich auf 14 Billionen Won (9,4 Milliarden US-Dollar), was die Aktivität ausländischer Anleger deutlich übersteigt.
Derartige Fonds sind verpflichtet, täglich Basiswerte nachzukaufen oder zu verkaufen, um das festgelegte Verhältnis aufrechtzuerhalten. Bei fallenden Aktienkursen sind sie gezwungen, Vermögenswerte zu verkaufen, was den Druck auf die Kurse zusätzlich erhöht. Der Kospi-Volatilitätsindex liegt seit sechs Wochen über 80, was ein beispielloser Wert ist (in den vorherigen Jahrzehnten stieg er nicht über 30). Der KODEX-Fonds mit doppeltem Hebel auf SK Hynix verlor etwa 70 % seines Juni-Höchststands.
Ängste vor KI-Schulden und Insolvenz
Die Veräußerung betraf nicht nur Aktien, sondern auch die Kreditmärkte. Die Nachfrage nach Speicher für Rechenzentren wird durch die Investitionsausgaben der fünf größten US-Betreiber geprägt: Amazon, Meta, Microsoft, Google und Oracle. Die Kosten für die Absicherung gegen deren Insolvenz stiegen auf Rekordwerte.
Fünfjährige Kredit-Default-Swaps auf einen Korb dieser Unternehmen verteuerten sich von 115 auf 162 Basispunkte. Am stärksten stieg die Insolvenzversicherung für Oracle – auf über 215 Basispunkte. Der Kreditanalyst von Barclays, Andrew Keches, nannte die Swaps von Oracle einen Indikator für Bedenken hinsichtlich KI-Schulden: Ein erheblicher Teil des Umsatzes des Unternehmens hängt von OpenAI ab, das derzeit noch keinen Cashflow generiert und das IPO verschoben hat.
Laut Schätzung von Sage Advisory verdoppelte sich die kumulierte Dollar-Schuld der Gruppe seit September mehr als und überstieg 360 Milliarden US-Dollar, während der freie Cashflow ins Negative geriet. Alphabet zeigte im zweiten Quartal erstmals in seiner Geschichte einen negativen Cashflow von minus 5,9 Milliarden US-Dollar. Dennoch sind Analysten von Real Investment Advice der Ansicht, dass die aktuellen Kennzahlen weit von den Niveaus entfernt sind, bei denen ein echtes Risiko eines Kreditereignisses besteht, und sehen in der Ausweitung der Spreads lediglich eine Reaktion auf den Übergang der Hyperscaler zu einem negativen Cashflow.