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title: "Zweiter Name an der Front: Wie ukrainische Soldaten Rufzeichen wählen und was dahintersteckt"
description: "Kateryna Hurnewytsch, Leiterin des Projekts „Wytoky“, erzählte Styler, wie ukrainische Soldaten Rufzeichen wählen: von Nachnamensabkürzungen und Charakterzügen bis hin zu konspirativen OUN- und UPA-Pseudonymen. Hinter jedem zweiten Namen steht eine persönliche Geschichte oder Tat, wobei die Tradition bis zu den Saporoger Kosaken zurückreicht."
date: 2026-11-03T06:22:14.610Z
lang: de
url: https://xab.info/de/posts/zweiter-name-an-der-front-wie-ukrainische-soldaten-rufzeichen-waehlen
tags: [ukraine-military, callsigns, military-traditions, vsu, ukrainian-army, military-culture]
author: "Marina Sliwenko"
publisher: "XAB.info"
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# Zweiter Name an der Front: Wie ukrainische Soldaten Rufzeichen wählen und was dahintersteckt

![Ukrainischer Soldat in Tarnkleidung und Helm bringt ein Abzeichen an seiner Schutzweste an vor dem Hintergrund von Kameraden](https://xab.info/media/2026/11/03/vtoroe-imya-na-fronte-kak-ukrainskie-voennye-vybirayut-pozyvnye/vtoroe-imya-na-fronte-kak-ukrainskie-voennye-vybirayut-pozyvnye-1.webp)

## Kernpunkte

- Ein Rufzeichen in den ukrainischen Streitkräften kann von Waffenbrüdern bei der Ausbildung zugewiesen oder vom Kämpfer selbst gewählt werden; Grundlage sind oft Nachname, Charakterzug, Tat oder Hobby.
- Die Tradition des „zweiten Namens“ in der ukrainischen Militärgemeinschaft geht auf die Saporoger Kosaken zurück, während in OUN und UPA Pseudonyme zur Verschwörung genutzt wurden.
- Materialien zur Geschichte von Rufzeichen sind in der digitalen Publikation „Leitfaden der militärischen Traditionen“ gesammelt, an der 30 Experten und etwa 30 Einheiten der Streitkräfte mitwirkten.

Ein militärisches Rufzeichen ist nicht nur eine praktische Abkürzung für den Funkverkehr. Für einen Kämpfer wird es zu einem zweiten Namen, der die Geschichte einer bestimmten Person, ihren Charakter, eine Tat oder sogar ein ganzes Kapitel aus dem Leben der Einheit in sich trägt. Das erzählte Kateryna Hurnewytsch, Leiterin des Projekts „Wytoky“ der Zagoriy Foundation, exklusiv gegenüber Styler und stützte sich dabei auf Materialien der digitalen Publikation „Leitfaden der militärischen Traditionen“, die von Forschern und aktiven Soldaten vorbereitet wurde. Ihrer Ansaget nach kann das Rufzeichen vom Kämpfer selbst gewählt, von Waffenbrüdern während der Grundausbildung vorgeschlagen oder während des Dienstes in der Einheit zugewiesen werden — und in jedem dieser Fälle verbirgt sich hinter einem kurzen Wort ein ganz eigenes Narrativ.

### Von der Nachnamensabkürzung bis zum Charakterzug

Die häufigste Art der Entstehung eines Rufzeichens ist die Abkürzung des Nachnamens. So wird der Hauptfeldwebel der 28. Brigade, Maksym Palamartschuk, in seiner Einheit Palamar genannt. Aber keineswegs immer wird der Name aus Dokumenten übernommen. Hurnewytsch merkt an, dass Waffenbrüder das Rufzeichen oft anhand eines erkennbaren Charakterzugs oder Äußeren „vortragen“: Einem schlichen Kämpfer gibt man den Namen Lis (Fuchs), dem Ältesten in der Kompanie Ded (Opa) oder Batja. Die Grundlage für einen neuen Namen können ein Schülerspitzname, der Name der Heimatstadt oder des Heimatdorfes, ein Beruf, ein Hobby oder sogar ein Vorfall sein, an den sich die Kameraden erinnern. Schließlich wird das Rufzeichen zu jenem Etikett, an dem man eine Person in der Einheit schneller erkennt als an ihrem echten Nachnamen.

### Persönliche Bedeutung und Symbolik

Für den Soldaten selbst erlangt das Rufzeichen oft eine tiefe persönliche Bedeutung. Hurnewytsch nennt das Beispiel von Oleksandr mit dem Rufzeichen Kremen (Feuerstein), dem Helden des Artikels „Amulette ukrainischer Krieger“ im Leitfaden „Wytoky“. Den Worten des Kämpfers nach hört er in diesem Namen Standhaftigkeit und innere Stärke — Eigenschaften, die seiner Ansicht nach an der Front unerlässlich sind. Ein anderer anschaulicher Fall ist mit einer konkreten Tat verbunden: Der Melder Mychajlo Olijnyk erhielt das Pseudonym Veter (Wind), weil er innerhalb von 15 Minuten eine verschlüsselte Notiz zum Stützpunkt brachte. Die Schnelligkeit und Genauigkeit dieser Handlung wurden für die Waffenbrüder zum Anlass, ein Image um ihn herum zu verankern, das ihn seither in der Einheit begleitet.

### Historische Wurzeln: Von Kosaken bis OUN und UPA

Die Tradition des „zweiten Namens“ in der ukrainischen Militärgemeinschaft reicht weit über die Moderne hinaus. Unter Saporoger Kosaken waren Spitznamen verbreitet, die mit der Zeit zu Familiennamen werden konnten. Der Namenswechsel war dabei Teil des Rituals des Eintritts in die Militärgemeinschaft — wer einen neuen Namen erhielt, trat gewissermaßen in einen neuen sozialen Status ein. Im Umfeld von OUN und UPA wurden Pseudonyme vor allem zur Verschwörung genutzt: Wenn Ermittler nur das Pseudonym kannten, waren Waffenbrüder und Verwandte weniger gefährdet, betont Hurnewytsch. Seit 2014 war die Verwendung von Rufzeichen in Freiwilligenbataillonen insbesondere mit der Notwendigkeit verbunden, die Identität im Funkverkehr zu verbergen, was eine konspirative Praxis zur Alltagspraxis machte.

### Eigenständige Wahl und kultureller Einfluss

Nicht alle Rufzeichen entstehen „von oben“ oder durch Waffenbrüder. Ein Teil der Kämpfer wählt seinen zweiten Namen eigenständig, oft unter dem Eindruck von Gelesenem oder Gesehenem. Anna Iwanytska wurde beispielsweise zu Motria, nachdem sie ein Buch aus dem Lesesaal von „Proswita“ gelesen hatte. Solche Beispiele zeigen, dass ein Rufzeichen im militärischen Umfeld sowohl eine kollektive Entscheidung der Einheit als auch eine tiefgreifende individuelle Wahl sein kann, die das persönliche kulturelle Gepäck eines Menschen widerspiegelt. Hurnewytsch betont: „Jede Tradition hatte einst ihren Anfang. Genau wie heute entstehen viele Bräuche vor unseren Augen. Das sind Praktiken, die das Militär heute schafft, weitergibt und mit eigener Vision füllt.“

### „Leitfaden der militärischen Traditionen“: Wie die Publikation entstand

Die Materialien, auf die sich Hurnewytsch stützt, sind in der kostenlosen digitalen Publikation „Leitfaden der militärischen Traditionen“ gesammelt, die von den Projekten „Galt“ und „Wytoky“ erstellt wurde. An dem Leitfaden arbeiteten 30 Experten — Historiker, Ethnografen, Anthropologen und Personen mit militärischer Erfahrung. Etwa 30 moderne Einheiten der ukrainischen Streitkräfte teilten ihre Traditionen und erklärten deren Bedeutung. Partner der Publikation wurden „Lokalna Istorija“, die militaristische Gesellschaft D3 TEAM und das Nationale Museum der Geschichte der Ukraine im Zweiten Weltkrieg. Die Autoren planen, den Leitfaden zu ergänzen: Am Ende der Publikation befindet sich ein Formular, über das Militärangehörige von Traditionen berichten können, die es nicht in die erste Version geschafft haben. Separat haben „Galt“ und „Wytoky“ einen praktischen Ratgeber zur Einführung von Traditionen in modernen militärischen Einheiten vorbereitet.

## Faktencheck und Quellen

- [Второе имя на фронте: как украинские военные выбирают позывные и что они значат](https://styler.rbc.ua/ukr/trends/druge-im-ya-fronti-k-ukrayinski-viyskovi-1793635632.html) - Primärquelle. Alle Zitate von Hurnewytsch, Rufzeichenbeispiele (Palamar, Kremen, Veter, Motria), historischer Kontext (Kosaken, OUN/UPA, Freiwilligenbataillone seit 2014) und Informationen zum Leitfaden sind diesem Text entnommen.
- [Украинские военные назвали условие, при котором ВСУ могут победить Россию на фронте](https://www.unian.net/war/rossiyu-mozhno-pobedit-na-fronte-serzhant-vsu-nazval-neobhodimoe-uslovie-13507800.html) - Подтверждено по источнику unian.net

## Häufige Fragen

### Wie entsteht ein militärisches Rufzeichen in den Streitkräften der Ukraine normalerweise?

Meistens wird das Rufzeichen von Waffenbrüdern während der Grundausbildung oder in der Einheit vergeben. Grundlage können eine Nachnamensabkürzung, ein Charakterzug, das Äußere, ein Schülerspitzname, die Heimatstadt, ein Beruf oder eine konkrete Tat sein. Einige Kämpfer wählen ihr Rufzeichen selbst.

### Welche historischen Wurzeln hat die Tradition der Rufzeichen in der ukrainischen Militärgemeinschaft?

Unter Saporoger Kosaken wurden Spitznamen schließlich zu Familiennamen, und der Namenswechsel war Teil des Eintritts in die Militärgemeinschaft. In OUN und UPA wurden Pseudonyme hauptsächlich zur Verschwörung genutzt. Seit 2014 verwenden Freiwilligenbataillone Rufzeichen, um die Identität im Funkverkehr zu verbergen.

### Was ist der „Leitfaden der militärischen Traditionen“?

Es ist eine kostenlose digitale Publikation der Projekte „Galt“ und „Wytoky“. Daran wirkten 30 Experten (Historiker, Ethnografen, Anthropologen, Militärs) mit, und etwa 30 Einheiten teilten ihre Traditionen. Die Publikation behandelt die Geschichte des ukrainischen Heeres und die moderne Militärkultur.