Das Kiewer Internationale Institut für Soziologie (KMIS) hat die Ergebnisse einer neuen Erhebung zum Glücksniveau der Bevölkerung in der Ukraine veröffentlicht. Laut den im Mai 2026 gesammelten Daten gaben 71 % der Befragten an, sich glücklich zu fühlen, trotz des andauernden großflächigen Krieges. Gleichzeitig bezeichneten sich 16 % der Befragten als unglücklich, während der Anteil derer, die keine eindeutige Antwort geben konnten („sowohl ja als auch nein“), auf 11 % sank. Damit übersteigt die Zahl der glücklichen Ukrainer die der unglücklichen um mehr als das Dreifache.

Entwicklung über ein halbes Jahr: von 58 % auf 71 %

Das KMIS führt seit über 20 Jahren eine kontinuierliche Überwachung des subjektiven Wohlbefindens der Bürger durch, was die Verfolgung der langfristigen Dynamik ermöglicht. Im Dezember 2024, als der Krieg bereits seit mehr als zwei Jahren in der Phase eines großflächigen Konflikts war, hielten sich nur 58 % der Ukrainer für glücklich. Bis Dezember 2025 stieg der Wert auf 69 %, und im Mai 2026 erreichte er 71 %. Zum Vergleich: Im Dezember 2021, zwei Monate vor Beginn der großflächigen Invasion Russlands, lag das Glücksniveau ebenfalls bei 71 %. Damit ist das subjektive Wohlbefinden der Bevölkerung auf das Vorkriegsniveau zurückgekehrt. Dabei hat sich der Anteil der Unglücklichen über den gesamten Zeitraum kaum verändert – etwa 16 %, sowohl im Dezember 2024 als auch im Mai 2026. Ein signifikanter Verschiebung erfolgte in der Kategorie der unbestimmten Antworten: von 25 % auf 11 %, was auf den Übergang eines erheblichen Teils der Bürger von einer zwiespältigen Wahrnehmung des eigenen Lebens zu einer positiveren Bewertung hinweist.

Alter, Einkommen und Gesundheit: die wichtigsten Determinanten

Die Soziologen nennen mehrere Faktoren, die am engsten mit dem subjektiven Glücksniveau zusammenhängen. Das Alter zeigt eine inverse Korrelation: Unter den Ukrainern unter 40 Jahren halten sich 75 % für glücklich, während dieser Wert bei Menschen ab 70 Jahren bei 60 % liegt. Das wirtschaftliche Wohlergehen spielt ebenfalls eine entscheidende Rolle – Unter den Bürgern mit sehr niedrigem Wohlstand bezeichneten sich nur 48 % als glücklich, während es bei den am besten gestellten 91 % waren. Ein ähnliches Bild zeigt sich bei der Gesundheit: Unter denjenigen, die ihren Gesundheitszustand als sehr schlecht oder schlecht bewerten, liegt das Glücksniveau bei etwa 50 %, während es bei den gesündesten 91 % beträgt. Ein separater Faktor ist das Verständnis des Lebenssinns: Unter denjenigen, die nicht bestimmen können, worin er besteht, bezeichneten sich 41 % als glücklich, während es bei denjenigen, die ihren Lebensweg erkennen, 79 % waren. Das KMIS betont auch den Einfluss von Bildung, Qualität der Familien- und Intimbeziehungen, Vorhandensein von Kindern und Freunden, dem Sicherheitsgefühl und der Bewertung der Zukunft.

Psychologische Anpassung oder Verbesserung der Bedingungen?

Das Institut selbst betont, dass die durchgeführte Studie keine konkreten Ursachen für den Anstieg des Glücksniveaus feststellen lässt. Als eine mögliche Erklärung nennen die Soziologen die psychologische Anpassung an den langandauernden Krieg: Die Menschen passen sich allmählich den neuen Lebensbedingungen an, korrigieren ihre eigenen Erwartungen und Kriterien zur Bewertung des Wohlbefindens. Gleichzeitig betont das KMIS besonders, dass der Anstieg des subjektiven Glücksgefühls nicht bedeutet, dass die objektiven Lebensbedingungen der Ukrainer leichter geworden sind. Der Krieg dauert an, die Bürger erleben weiterhin Verluste, Bedrohung der Sicherheit, wirtschaftliche Schwierigkeiten und psychische Belastung. Der festgestellte Anstieg spiegelt also eher eine innere Umstrukturierung der Wahrnehmung wider als eine Änderung der äußeren Umstände.

Widersprüchliche Daten

Bei der Verifizierung der Materialien wurde eine Diskrepanz in den Veröffentlichungsdaten festgestellt. Der Hauptdatensatz (RBC-Ukraine, Interfax, Novosti.UA) bezieht sich auf die im Mai 2026 durchgeführte Umfrage und veröffentlicht die Ergebnisse im aktuellen Zeitfenster. Der Artikel auf der Plattform ura-inform.com, der ähnliche Zahlen enthält, ist jedoch auf den 20. März 2026 datiert – also vor der Durchführung der Mai-Umfrage. Dies kann entweder auf einen Fehler im Veröffentlichungsdatum auf dieser Ressource hinweisen oder darauf, dass es sich um vorläufige oder teilweise zusammengefasste Daten handelt, die früher vorgestellt wurden. Der statistische Kern (71 %, 69 %, 58 %) stimmt in allen Quellen überein, was es erlaubt, die wichtigsten Schlussfolgerungen als bestätigt zu betrachten, während die Datierung eines der Materialien einer Klärung bedarf.

Kontext: Vertrauen und Ängstlichkeit vor dem Hintergrund des Krieges

Die Ergebnisse der Umfrage zum Glück fügen sich in einen breiteren Kontext der öffentlichen Stimmungen ein, den das KMIS parallel verfolgt. Zuvor hatte RBC-Ukraine berichtet, dass das Vertrauen der Ukrainer in öffentliche Persönlichkeiten je nach ihrer Rolle während des Krieges erheblich variiert: Die höchsten Positionen in den Rankings belegen Militärs und Vertreter der Verteidigungssphäre, während gegenüber einem Teil der Politiker ein ausgeprägtes Misstrauen besteht. Gleichzeitig stellen die Soziologen fest, dass die Bürger unter Kriegsbedingungen zunehmend über sozioökonomische Probleme und die Zukunft des Landes besorgt sind. Zu den Hauptängsten der Bevölkerung gehörten Armut, Probleme im Bildungssystem und die Bedrohung der Zukunft der Kinder. Diese Daten ergänzen das Bild: Der Anstieg des subjektiven Glücks koexistiert mit der anhaltenden Sorge um die langfristige Perspektive.