Die Bausteine, aus denen sich vermutlich das erste Leben auf der Erde formte, könnten sich bereits vor der Entstehung des Planeten gebildet haben – in der Dunkelheit und Kälte des frühen Sonnensystems. Zu diesem Schluss kamen Wissenschaftler der Harvard-Universität, nachdem sie eine detaillierte Isotopenanalyse mehrerer primitiver Meteoriten durchgeführt hatten. Dies berichtet RBC-Ukraine unter Verweis auf das Fachmedium Interesting Engineering. Die im September 2026 veröffentlichte Entdeckung schreibt die etablierten Vorstellungen darüber um, wo und wann jene Moleküle entstanden, die das Fundament der biologischen Evolution auf unserem Planeten bildeten.

Was genau die Harvard-Forscher untersuchten

Das Team unter der Leitung von Daniel Crocker und David Johnston arbeitete mit einer vielfältigen Sammlung kohlenstoffreicher Chondriten – seltener Gesteinsmeteoriten mit einem Alter von mehr als 4,5 Milliarden Jahren, die sich unmittelbar aus der protoplanetaren Staubwolke formten. In die Auswahl flossen Proben der Gruppen CI, CM und CR sowie die äußerst seltenen Meteoriten Bells und Tarda ein. In diesen Objekten befinden sich winzige mineralische Kugeln – Chondren – sowie komplexe organische Verbindungen, vor allem Aminosäuren, deren Ursprung jahrzehntelang Gegenstand wissenschaftlicher Debatten war.

Der entscheidende Beweis: die isotopische „Signatur“ des Sauerstoffs

Die zentrale Frage, die sich die Forscher stellten, lautete: Wo genau bildeten sich die organischen Moleküle – im tiefen Weltraum oder später unter dem Einfluss von Erwärmung und chemischen Prozessen innerhalb der Mutter-Asteroiden? Dank präziser Messungen der isotopischen Sauerstoffzusammensetzung in der organischen Substanz der Meteoriten entdeckten die Wissenschaftler eine eindeutige primäre isotopische Signatur. Dieser Wert erfasst den anfänglichen Vermischungsprozess von Stoffen in der Gas-Staub-Scheibe lange vor der Entstehung der ersten Planeten. Im Wesentlichen erhielten die Moleküle ihren Sauerstoff in den allerersten Phasen der Existenz des Sonnensystems, als es noch weder die Erde noch andere Himmelskörper gab, die die chemische Zusammensetzung der Organik hätten „umformen“ können.

Warum die Marker Milliarden von Jahren überdauerten

Auf den ersten Blick wirkt das Ergebnis paradox: Die Asteroiden, die diese Organik in sich tragen, wurden über Milliarden von Jahren hinweg heftigen Kollisionen, innerer Erwärmung und der Einwirkung von Schmelzwasser ausgesetzt. Und doch blieben die entdeckten chemischen Marker nahezu unangetastet. Die Forscher erklären dies damit, dass die organische Substanz ursprünglich in den kalten Regionen des jungen Sonnensystems entstand, wo die Temperaturen zu niedrig für den Zerfall der Moleküle waren. Anschließend wurde sie im Weltraum vermischt und in die Zusammensetzung der Meteoriten eingebaut, die mit der Zeit auf die junge Erde fielen und die fertigen „Bausteine“ für die weitere Entwicklung des biologischen Lebens lieferten.

Der Kontext: die Suche nach Organik jenseits der Erde

Die Harvard-Studie fügt sich in den breiteren Kontext aktiver Suchen nach außerirdischer Organik ein. Parallel dazu entdeckt der Mars-Rover Perseverance weiterhin vielfältige organische Verbindungen auf der Marsoberfläche, was bestätigt: Komplexe Kohlenstoffmoleküle sind in der gesamten Sonne­nen­verbreitet. Die Gesamtheit der Daten – von der Isotopenanalyse der Meteoriten bis zu den Marsproben – zeichnet ein stimmiges Bild: Organische Vorläufer des Lebens sind kein einzigartiges Produkt der irdischen Biosphäre, sondern ein kosmischer „Rohstoff“, der von außen auf den Planeten geliefert wurde.

Bedeutung für die Wissenschaft vom Ursprung des Lebens

Die Bestätigung, dass die organischen Moleküle in den Meteoriten die primäre isotopische Signatur der Gas-Staub-Scheibe tragen, verschiebt den Nullpunkt der Entstehung der biochemischen Voraussetzungen des Lebens um Hunderte von Millionen Jahre vor die Bildung der Erde selbst. Das bedeutet: Das „Rezept“ des Lebens wurde, sozusagen, bereits aufgezeichnet, bevor sich auf der Umlaufbahn um die Sonne die Planeten zu formen begannen. Für die Wissenschaft vom Ursprung des Lebens (Abiogenese) eröffnen sich damit neue Horizonte: Wenn sich die Organik im kalten Weltraum bildete, unterscheiden sich die Bedingungen ihrer Synthese grundlegend von jenen, die in Laboren modelliert werden, um den „Ursoße“ der frühen Erde nachzubilden.