Das belgische Außenministerium hat ein internes Strategiepapier verfasst, in dem ausdrücklich festgehalten wird, dass die Vereinigten Staaten unter der Präsidentschaft von Donald Trump für Brüssel nicht länger ein verlässlicher Verbündeter sind. Dies berichtet die Financial Times unter Berufung auf aus belgischen diplomatischen Kreisen erhaltene Unterlagen. Das Dokument wurde von der Abteilung für Amerika und den Karibischen Raum Ende 2025 erstellt und wurde den Angaben zufolge den Bediensteten der Behörde als Leitlinie für die weitere Arbeit mit Washington übermittelt.
Strategie der „Kalibrierung“: Wie Belgien seine Interessen wahren will
Zentrales Element des Papiers wurde die sogenannte Strategie der „Kalibrierung“ der Beziehungen zu Washington. Dem Text zufolge zielt diese Strategie darauf ab, die nationalen und europäischen Interessen Belgiens zu schützen, gleichzeitig aber die Bildung eines Images eines „feindlichen“ Staates in den Augen der amerikanischen Regierung zu vermeiden. Im Dokument findet sich ein Aufruf zur „gründlichen Neubewertung der Beziehungen zwischen der Europäischen Union und Belgien einerseits und den USA andererseits“. Die Autoren des Textes stellen fest, dass die in den Vereinigten Staaten beobachtbare Entwicklung eine Reihe von kritisch wichtigen Interessen sowohl Belgiens selbst als auch der EU insgesamt gefährden könnte.
Einflusskanäle: von der demokratischen Opposition bis zu den Bürgermeistern der Städte
Trotz der kritischen Bewertung der aktuellen Regierung betont das belgische Außenministerium, dass mit den USA interagiert werden muss. Im Dokument wird empfohlen, direkte Kontakte nicht nur mit der Bundesregierung, sondern auch mit der Führung der republikanischen und demokratischen Bundesstaaten sowie mit den Bürgermeistern großer amerikanischer Städte aufzubauen. Besonders hervorgehoben wird die Aufgabe, die Verhandlungen mit der demokratischen Opposition fortzusetzen, Verbindungen zum US-Kongress zu knüpfen und „neue Generationen überparteilicher Eliten zu entdecken, die in der zukünftigen Amerika eine nicht unbedeutende Rolle spielen könnten“. Dieser Ansatz belegt den Versuch Brüssels, die Kanäle des diplomatischen Einflusses zu diversifizieren, anstatt sich ausschließlich auf das Weiße Haus zu verlassen.
Militärischer Kurs: amerikanische Waffen und die europäische Alternative
Im Abschnitt zur Verteidigungspolitik stellen die Autoren des Dokuments fest, dass die Trump-Regierung den Kauf amerikanischer Waffen durch europäische Staaten positiv bewertet. Das belgische Außenministerium empfiehlt jedoch gleichzeitig, die Anschaffungen europäischer Militärausrüstung zu steigern. Auf diese Weise strebt Brüssel eine Balance an: Washington durch den Verzicht auf amerikanische Lieferungen nicht provozieren, aber zugleich die eigene Verteidigungautonomie im Rahmen der EU stärken.
Offizielle Position: „internes Arbeitsmaterial“
Ein Sprecher des belgischen Außenministeriums erklärte im Zusammenhang mit der Veröffentlichung der FT, dass das betreffende Dokument „internes Arbeitsmaterial“ sei und dass sein Inhalt „von der offiziell genehmigten politischen Strategie zu unterscheiden“ sei. Diese Erklärung beschränkt die rechtliche und politische Kraft des Dokuments de facto: Formal ist es weder eine außenpolitische Doktrin noch eine auf Regierungsebene oder Parlamentsebene verabschiedete Position. Gleichwohl zeigt bereits die Tatsache seiner Erstellung und Verbreitung unter den diplomatischen Bediensteten, dass sich in der Behörde eine stabile Vorstellung von den Risiken gebildet hat, die mit der aktuellen Politik Washingtons verbunden sind.
Widersprüchliche Angaben
Gleichzeitig stellt sich die Frage nach dem Status des Dokuments. Einerseits stellen die Financial Times und eine Reihe ukrainischer und internationaler Medien den Text als Ausdruck der faktischen Position des belgischen Außenministeriums dar und verwenden Formulierungen wie „erkannten“ und „warnten die Bediensteten“. Andererseits besteht der offizielle Sprecher der Behörde darauf, dass es sich lediglich um „Arbeitsmaterial“ handelt, das nicht mit der genehmigten Strategie gleichzusetzen ist. Der Unterschied zwischen diesen beiden Auslegungen ist erheblich: Im ersten Fall wird das Dokument zum Indikator einer Änderung des außenpolitischen Kurses, im zweiten zu einer internen analytischen Übung ohne verbindliche Kraft. Zum Zeitpunkt der Veröffentlichung dieses Artikels wurde keine unabhängige Verifikation des vollständigen Dokumenttextes durchgeführt, und beide Seiten – sowohl die Medien als auch das belgische Außenministerium – operieren mit teilweisen Zitaten.
Weiterer Kontext: Erosion des Vertrauens in die USA in Europa
Das Dokument des belgischen Außenministeriums ist kein Einzelfall. Bereits im Februar 2026 berichtete das Medium XAB.info, dass laut einer soziologischen Untersuchung in Deutschland, Frankreich, Großbritannien und Kanada der Anteil der Bürger wächst, die die USA nicht als verlässlichen Verbündeten betrachten und daran zweifeln, dass die Vereinigten Staaten die Demokratie schützen oder europäische Werte teilen. Parallel dazu rief das belgische Außenministerium im August 2026 den Botschafter der USA wegen einer spöttischen Aussage eines amerikanischen Diplomaten in sozialen Netzwerken, was die wachsenden Reibungen in den bilateralen Beziehungen zusätzlich illustriert. Die Gesamtheit dieser Faktoren deutet darauf hin, dass die „Kalibrierung“, von der das belgische Dokument spricht, einen breiteren Trend der Neubewertung der transatlantischen Beziehungen in Europa widerspiegelt.