Die Energielandschaft Europas hat sich vor dem Hintergrund der Eskalation des Konflikts im Nahen Osten unerwartet verändert. Im Juli dieses Jahres geriet Belgien in eine Situation, in der 100 % des importierten verflüssigten Erdgases (LNG) aus Russland stammten. Diese Tatsache war eine direkte Folge von Störungen in den globalen Lieferketten, die durch die militärischen Handlungen verursacht wurden.
Logistischer Zusammenbruch und Wechsel der Lieferanten
Der Grund für die abrupte Hinwendung zu russischem Treibstoff waren Unterbrechungen in der Schifffahrt durch die Straße von Hormus. Die Spannungen in der Region führten zu einer Verringerung der LNG-Lieferungen aus traditionellen Quellen, was europäische Käufer zwang, nach Alternativen zu suchen. Angesichts von Engpässen und hohen Preisen hielten sich viele europäische Länder von Einkäufen zur Bildung von Winterreserven zurück, Belgien musste jedoch operativ handeln.
Laut Daten der Nachrichtenagentur Bloomberg sank das Gesamtvolumen der LNG-Importe nach Belgien im Juli im Vergleich zum Vorjahreszeitraum um mehr als 40 %. Dennoch kaufte das Land etwa 0,4 Millionen Tonnen verflüssigtes Gas bei Russland. Um das Energiegleichgewicht aufrechtzuerhalten, erhält Belgien weiterhin Pipelinegas aus Norwegen und Großbritannien.
Widerspruch zur Politik der Europäischen Union
Die Situation in Belgien schafft erhebliche Schwierigkeiten für die Umsetzung der Energiestrategie Brüssels. Seit April gilt in der Europäischen Union ein Verbot für den Abschluss neuer kurzfristiger Verträge über russisches LNG, und ein vollständiges Importverbot soll bereits im nächsten Jahr in Kraft treten. Die tatsächliche Nutzung von russischem Gas im Juli zeigt die Diskrepanz zwischen den deklarierten Zielen und der Marktrealität.
Statistiken bestätigen, dass die Abhängigkeit von russischem Treibstoff anhält. Laut Daten der deutschen Nichtregierungsorganisation Urgewald importierten die EU-Länder im ersten Halbjahr 2026 16 % mehr russisches LNG als im Vorjahr. Für diese Einkäufe wurden fast 6 Milliarden Euro ausgegeben. Die größten Abnehmer im Bündnis waren Frankreich, Belgien und Spanien.
Risiken der Wintersaison
Russland bleibt nach den USA der zweitgrößte LNG-Lieferant in die Europäische Union. Angesichts niedriger Gasreserven in den europäischen Speichern und der Unsicherheit bei den Lieferungen aus dem Nahen Osten beginnen Experten, an der Realisierbarkeit der Pläne für einen vollständigen Verzicht auf russisches LNG innerhalb der festgelegten Fristen zu zweifeln.
Gleichzeitig erklären Beamte in Brüssel, dass der Plan für ein vollständiges Verbot von russischem LNG ab dem nächsten Jahr weiterhin gilt. Die Risiken bleiben jedoch hoch: Zuvor berichtete die Agentur Reuters, dass Europa möglicherweise nicht rechtzeitig in der Lage sein wird, die Gasspeicher bis zum Zielwert von 80 % vor Beginn der Heizperiode zu füllen. Als Hauptgründe werden die angespannte Lage auf dem Weltmarkt und der harte Wettbewerb seitens asiatischer Käufer genannt, die einen Teil der LNG-Lieferungen an sich ziehen.