Eine plötzlich auftretende Rötung der Wangen wird im Alltag meist auf Hitze, Stress oder leichte Aufregung zurückgeführt. In der Volkstradition ist diesem physiologischen Phänomen jedoch ein ganzes Feld mystischer Deutungen zugeschrieben. Nach einem weit verbreiteten Aberglauben ist das plötzliche Brennen der Wangen nicht bloß eine Gefäßreaktion, sondern eine Art „Signal“ von außen: In diesem Moment denkt jemand an die betreffende Person, spricht über sie oder erinnert sich an sie. Styler, ein Unterhaltungsprojekt von RBC-Ukraine, hat die wichtigsten Versionen dieses Volksglaubens aufgegriffen und erklärt, woher die populäre Überlieferung vom „schwarzen Goldspuren“ stammt, mit der angeblich der Hexenschuss geprüft wurde.

Das wichtigste Zeichen: Jemand denkt an dich

Die in der Volkserinnerung am tiefsten verwurzelte Version besagt: Wenn die Wangen plötzlich ohne ersichtlichen Grund zu brennen beginnen, erinnert sich in genau diesem Moment jemand an dich. Die Vorfahren gingen noch weiter und versuchten, den Charakter dieses Gesprächs anhand der Lokalisation des Brennens zu „entziffern“. Die rechte Wange wies dem Aberglauben zufolge auf ein gutes Wort hin: Man lobte einen, erinnerte sich sympathisch an einen oder sprach in positivem Sinne über einen. Die linke Wange trug die entgegengesetzte Botschaft – ihr Brennen wurde mit Klatsch, Kritik und unangenehmen Gesprächen hinter dem Rücken in Verbindung gebracht. Wenn hingegen beide Wangen gleichzeitig brannten, galt das Zeichen als am „gefilligsten“: Jemand sprach sehr aktiv über einen, und die Stärke des Brennens konnte nach volkstümlicher Deutung das Maß an Aufmerksamkeit widerspiegeln, mit dem man in fremden Gesprächen umgeben war.

Die Variante mit der Sympathie einer bestimmten Person

Es gibt auch eine „intimere“ Interpretation. Wenn die Wangen unmittelbar nach einer Begegnung mit einer bestimmten Person plötzlich heiß wurden, konnte das im Volk als Zeichen ihrer versteckten Sympathie oder des Umstands gedeutet werden, dass man geistig nicht aus ihrem Kopf weicht. So wurde dieselbe physiologische Reaktion – die Vasodilatation der Gesichtsgefäße – im Koordinatensystem der Volksüberlieferung zu einer ganzen Reihe sozialer „Hinweise“, die es den Vorfahren erlaubte, so der Glaube, die Gedanken und Absichten anderer abzulesen.

Der Goldtest und der „schwarze Spure“

Ein besonders farbenreiches Aberglaube, der mit den Wangen zusammenhängt, betrifft Goldschmuck. Im Alltag gab es eine Methode, um angeblich zu prüfen, ob eine Person „bösen Blick“ oder eine andere negative Einwirkung auf sich hatte: Man fuhr mit einem Goldschmuckstück über die Wangenhaut und betrachtete anschließend den zurückgebliebenen Spure. Wenn auf der Haut ein dunkler oder schwarzer Streifen sichtbar wurde, wurde er als Zeichen des Hexenschusses gedeutet. Wenn das Gold hingegen keinen sichtbaren Spure hinterließ, gab es nach dem Aberglauben keinen Grund zur Sorge. Bemerkenswert ist, dass diese „diagnostische“ Handlung nichts mit echten medizinischen Verfahren zu tun hatte und ausschließlich auf magischem Denken beruhte: Gold galt in der Volkssymbolik als Träger von „Energie“ und Indikator für verborgene Einflüsse.

Widersprüchliche Daten

Hier kommt es unweigerlich zur Kollision zweier Erklärungssysteme. Einerseits interpretiert die Volkstradition konsequent das Brennen und die Rötung der Wangen als mystischen „Kommunikationskanal“ zu fremden Gedanken, und den dunklen Goldspuren als Beweis des Hexenschusses. Andererseits bestätigt die moderne Medizin und Dermatologie keine einzige dieser Zusammenhänge. Rötung und Brennen der Wangen haben ganz konkrete physiologische Ursachen: vom vasomotorischen Krampf und der Reaktion auf Temperatur bis hin zu allergischen Manifestationen, hormonellen Schwankungen und dem stressbedingten Adrenalinausstoß. Was den „schwarzen Goldspuren“ betrifft, so lässt sich sein Auftreten trivial erklären: Bei der Reibung eines Goldschmuckstücks über die Haut bleiben auf der Oberfläche Partikel von Kosmetik, Hautfett, Schweiß oder anderen Substanzen zurück, die unter Druck und Wärme dunkler werden. Somit ist das, was in der Volkstradition als „Zeichen des Hexenschusses“ galt, im Alltagsverstand ein gewöhnliches physikalisch-chemisches Phänomen. Beide Versionen koexistieren im kollektiven Bewusstsein: die eine als kultureller Code, die andere als medizinische Realität, und keine von ihnen hebt die andere in den Augen der Träger des jeweiligen Systems auf.

Warum die Zeichen weiterleben

Die Volksgläubigkeiten über die Wangen haben keine wissenschaftliche Bestätigung, und die Redaktion von Styler betont ausdrücklich, dass sie als interessante Teil des kulturellen Erbes und nicht als Beweis einer mystischen Einwirkung zu betrachten sind. Dennoch zeigen gerade solche Alltagsinterpretationen eindrucksvoll, wie die Vorfahren versuchten, unerklärliche körperliche Empfindungen zu erklären und sie in ein logisches Weltbild einzubetten. In einer Epoche, in der es weder Dermatologie noch Psychosomatik gab, wurde das „Signal der brennenden Wangen“ zu einer jedem zugänglichen Methode, um „Informationen“ über das soziale Umfeld zu erhalten. Heute, bei aller Fortschrittlichkeit der Medizin, erfüllen diese Zeichen die Funktion eines kulturellen Rituals: Sie geben dem Menschen das Gefühl, die Situation zu kontrollieren, in der er sich, so sein Empfinden, dem Blick anderer ausgesetzt sieht. Und darin liegt wohl ihr größter und nachhaltigster Wert – nicht in der „Wahrheit“ der Deutung, sondern darin, dass sie dem Menschen erlauben, nicht allein mit dem eigenen Körper zu bleiben, sondern seinen Reaktionen stets einen äußeren, sozialen Sinn zu geben.