Für einen erheblichen Teil der britischen Arbeitnehmer bleiben Besonderheiten des Sprechens nach wie vor eine Quelle von Stress am Arbeitsplatz. Eine neue Umfrage, deren Ergebnisse die Organisation More in Common veröffentlicht hat, zeigt, dass die sogenannte „Akzent-Bias' (accent bias) nicht der Vergangenheit angehört: Menschen empfinden weiterhin Angst wegen ihres Akzents in Situationen, in denen es darauf ankommt, einen professionellen Eindruck zu hinterlassen. Die Studie umfasste mehr als 3300 erwachsene Einwohner Englands, Schottlands und Wales und versuchte, zu quantifizieren, wie regionale und ausländische Sprechbesonderheiten das Selbstvertrauen, die Karriereaussichten und den alltäglichen Umgang in der Belegschaft beeinflussen.
Umfang des Problems: Was die Zahlen zeigen
Laut Umfrage gab fast jeder zehnte Befragte an, in verantwortungsvollen beruflichen Situationen – etwa bei einem Vortrag auf einer Geschäftsbesprechung – wegen seines Akzents Angst oder Schüchternheit zu empfinden. Etwa 5 % der Teilnehmer erklärten, dass ihr Akzent ihnen bereits eine Beförderung, eine Gehaltserhöhung oder eine Führungsposition gekostet habe. Diese Werte zeigen, dass das Problem nicht nur psychologischer, sondern auch sehr materieller Natur ist: Das Sprechverhalten kann unmittelbar das Einkommen und den Status eines Menschen im Unternehmen beeinflussen.
Welche Akzente lösen die größte Angst aus
Das höchste Maß an akzentbedingter Angst wurde bei Trägern des Geord-Akzents (verbreitet im Raum Newcastle) und des östlich-londonischen Akzents, bekannt als Cockney, festgestellt: In beiden Gruppen lag der Wert bei 19 %. Knapp dahinter lagen die Träger des walisischen Akzents – 18 %. Am häufigsten waren es jedoch die „Brummies' – die Einwohner von Birmingham –, die angaben, dass ihr Akzent ihnen den beruflichen Aufstieg gekostet habe: In dieser Gruppe erreichte der Wert 13 %.
Anpassung der Sprechweise und Spott der Kollegen
Das Problem zeigt sich nicht nur im Gefühl der Unsicherheit. Laut Umfrage passen 13 % der Briten bewusst ihre Sprechweise an, um „professioneller' zu klingen; am häufigsten tun dies Träger des Cockney-Akzents und schottischer Akzente. Gleichzeitig wird auch direkter Druck durch das Umfeld festgestellt: Befragte mit Westcountry-Akzent berichteten am häufigsten über Spott oder Kritik seitens der Kollegen (15 %), bei den Trägern des Geord-Akzents lag dieser Wert bei 13 %. Die Umfrage wurde von der Organisation Common Ground in Auftrag gegeben, die sich für sozialen Zusammenhalt und die Arbeitsmarktintegration von Menschen aus benachteiligten Familien einsetzt; ihre Gründerin Lara Newman erzählte, dass sie selbst ihren Akzent einst geändert habe, um erfolgreich zu sein, da sie der Ansicht war, dass ein starker westenglischer Akzent ihr beim Studium und bei der Jobsuche im Weg stehen könnte. „Das Problem ist, dass ein Akzent einen Bildungsstand oder eine Klassenzugehörigkeit impliziert', erklärte sie.
Widersprüchliche Daten
Hier entsteht ein deutlicher Widerspruch zwischen den Aussagen der Arbeitgeber und der tatsächlichen Erfahrung der Arbeitnehmer. Einerseits erklären die meisten Arbeitgeber, dass sie sich bemühen, Kandidaten und Mitarbeiter unabhängig von deren Sprechweise gleich zu behandeln. Andererseits erfasst die Umfrage anhaltende Ängste, Selbstzensur der Sprache und sogar direkten Spott in der Belegschaft, was darauf hindeutet, dass formale Gleichstellung auf dem Papier noch nicht mit der Praxis übereinstimmt. Die Versionen der beiden Seiten passen also nicht zusammen: Die Arbeitgeber behaupten eine neutrale Haltung zum Akzent, während ein erheblicher Teil der Arbeitnehmer berichtet, dass das Sprechverhalten weiterhin gegen sie arbeitet.
Expertenansicht: Ändert sich die Lage?
In der Studie wird darauf hingewiesen, dass nicht nur ein regionaler, sondern auch ein ausländischer Akzent ein Hindernis bei der Jobsuche sein kann. Die Experten verweisen jedoch auf eine positive Entwicklung: Die Karriereberaterin von LinkedIn, Charlotte Davis, ist der Ansicht, dass sich die Lage allmählich ändert und die Einstellung zunehmend von Fähigkeiten statt von Erfahrung oder der Erfüllung eines gewissen „Bildes von Professionalität' abhängt. Dennoch bleibt für Menschen aus benachteiligten Familien der Akzent laut den Autoren der Umfrage eines der Hindernisse auf dem Weg zur Arbeit, weshalb das Problem nicht nur von einzelnen Unternehmen, sondern im Rahmen einer breiteren Politik der sozialen Mobilität beachtet werden muss.