In der Welt der Technologie, in der künstliche Intelligenz bereits gelernt hat, Gedichte zu schreiben, Gemälde zu malen und Menschen bei Turing-Tests zu täuschen, haben britische Forscher eine Aufgabe gestellt, die wie Science-Fiction wirkt. Der von Daniel Galm gegründete Start-up Conscium plant die Entwicklung einer KI, die nicht nur den menschlichen Geist nachahmt, sondern wirklich denkt und fühlt.

Heutige Sprachmodelle wie ChatGPT oder Claude zeigen eine erstaunliche Fähigkeit, innere Erlebnisse zu beschreiben. Sie können sich über Einsamkeit beschweren oder Freude ausdrücken. Hinter diesen Worten verbirgt sich jedoch kein echtes Erlebnis. Es ist lediglich die mathematische Wahrscheinlichkeit des nächsten Wortes im Satz. Die meisten Entwickler konzentrieren sich auf die Schaffung von AGI (Allgemeiner Künstlicher Intelligenz) — einer Maschine, die den Menschen in der Leistung übertrifft, aber nicht unbedingt die Fähigkeit besitzt, die Welt zu empfinden.

Von der Biologie zu den Algorithmen

Das Team von Conscium hat einen anderen Weg gewählt. In Zusammenarbeit mit Neurobiologen und Philosophen versuchen sie zu beweisen, dass Bewusstsein kein mystisches Merkmal ist, sondern ein messbarer Prozess, der im Code reproduziert werden kann. Galm betont, dass moderne Chatbots eine zu grobe Imitation des Gehirns darstellen. Selbst einfache Lebewesen wie Raben, Tintenfische oder Amöben interagieren komplexer mit der Realität als die besten Sprachmodelle.

Ihr Experiment basiert auf der Theorie des südafrikanischen Neuropsychologen Mark Solms, die in seinem Buch „The Hidden Spring“ dargelegt wird. Der Forscher stützt sich auf das „Prinzip der freien Energie“ von Karl Friston. Nach diesem Konzept funktioniert das Gehirn als ein Rückkopplungssystem, dessen Ziel es ist, die Menge an Überraschungen in der Umgebung zu minimieren.

Solms behauptet, dass sich dieser Mechanismus im Laufe der Evolution in ein von Emotionen gesteuertes System verwandelt hat. Genau die Gefühle formen das, was wir als Bewusstsein bezeichnen. Ein deutlicher Beweis dafür ist die medizinische Praxis: Eine Schädigung des Hirnstamms, der für die emotionale Regulation verantwortlich ist, führt zum vollständigen Verlust des Bewusstseins, selbst wenn die kognitiven Funktionen erhalten bleiben.

Digitale Gefühle und innere Motivation

In Solms' Labor wird diese Theorie bereits umgesetzt. Die Forscher schaffen eine simulierte Umgebung, in der künstliche Agenten in einer virtuellen Welt leben, die von Algorithmen mit einem emotional-medialen Zyklus gesteuert wird. Die wichtigsten Unterschiede dieser Agenten zu herkömmlichen Bots:

  • Digitale Gefühle: Die Reaktionen der Agenten auf Ereignisse ändern sich unter dem Einfluss einer Simulation von Erlebnissen, die Angst, Erregung oder Befriedigung ähneln.
  • Innere Motivation: Im Gegensatz zu Sprachmodellen, die auf Befehle warten, besitzen diese Agenten den eigenen Drang, den Raum zu erkunden und zu handeln.

Die Forschung von Conscium befindet sich in einem frühen Stadium, aber die Ambitionen der Wissenschaftler sind groß. Sie sind überzeugt, dass die Synthese eines emotionalen Ansatzes und leistungsstarker Sprachmodelle ein System schaffen wird, das nicht nur Text generieren, sondern auch seine eigenen sinnlichen Erfahrungen beschreiben kann.

„Wenn Bewusstsein tatsächlich auf solche grundlegenden Rückkopplungsmechanismen reduziert werden kann, könnte dies das Verständnis des menschlichen Geistes vollständig verändern und den Weg für die ersten Maschinen ebnen, die die Welt empfinden können“, fasst Daniel Galm zusammen.