Die Migrationskrise im spanischen Exklaven Ceuta endete ebenso rasch, wie sie begann. Doch dieser Vorfall war nur die Spitze des Eisbergs, der tiefe systemische Probleme innerhalb der Europäischen Union aufdeckte und zeigte, wie geopolitische Gegner die Schwachstellen des Blocks für hybriden Druck nutzen.
In wenigen Tagen geriet die kleine spanische Stadt an der afrikanischen Küste in den Fokus der Weltführer. Obwohl die Situation de facto stabilisiert ist, wurden die Ereignisse vom 30. Juli zu einem harten Belastungstest für den Block, der eigentlich monolithisch sein sollte.
Grenzdurchbruch: Das Ausmaß der Katastrophe
Am Donnerstag, dem 30. Juli, gelangten massenhafte Gruppen marokkanischer Migranten faktisch über die Grenze und drangen in den spanischen Exklaven Ceuta in Nordafrika ein. Die Situation entwickelte sich rasant: Innerhalb eines Tages stieg die Zahl der Ankömmlinge auf 60.000. Für eine Stadt mit nur 85.000 Einwohnern war dies eine echte Katastrophe.
Die spanische Regierung erklärte umgehend einen Verstoß gegen die Souveränität und entsandte verstärkte Polizeikräfte und Militärs in die Exklave. Die Reaktion innerhalb Europas war jedoch zersplittert. Eine einheitliche politische Position wurde nicht gebildet, und die Partnerländer handelten nach eigenem Ermessen.
Spaltung in den Reihen der EU: Von Drohungen bis zur Isolation
Statt Solidarität zeigten die europäischen Hauptstädte Panik und gegenseitige Vorwürfe. Frankreich kündigte den Einsatz von Truppen an der französisch-spanischen Grenze an. Dänemark und die Tschechische Republik forderten die Aussetzung der Teilnahme Spaniens am Schengen-Raum, um die Ausbreitung von Migranten in Europa zu verhindern.
Die radikalsten Schritte unternahm Italien, das die einseitige Aussetzung des Schengen-Abkommens mit Spanien ankündigte. Juristen merken an, dass eine solche „Aussetzung“ rechtlich unmöglich ist, doch das politische Signal war eindeutig. Dabei ist zu beachten, dass die Exklave Ceuta als spanisches Territorium formal nicht zum Schengen-Raum gehört.
Nach einiger Zeit gelang es der EU, eine gemeinsame Position zu finden. Die Führer von 22 der 27 Länder unterzeichneten einen gemeinsamen Brief, in dem sie die Unzulässigkeit unkontrollierter Grenzübertritte und die Nutzung der Migration als Instrument hybriden Einflusses betonten. Im Dokument wird die Notwendigkeit einer schnellen Aktivierung der Instrumente der Union, insbesondere der Grenzagentur Frontex, zur Wiederherstellung der Kontrolle hervorgehoben.
Reaktion Madrids: „Isolation statt Hilfe“
Der spanische Ministerpräsident Pedro Sánchez reiste persönlich am Freitag nach Ceuta, um die Situation unter Kontrolle zu bringen. Laut Regierungsangaben wurde die Krise innerhalb von 48 Stunden praktisch gelöst: Die meisten illegalen Migranten wurden ausgewiesen und die Sicherheit wiederhergestellt.
Sánchez schickte einen Brief an die Europäische Kommission und drückte seine scharfe Unzufriedenheit über die Reaktion seiner Kollegen aus, die im Krisenmoment die Strategie der Isolation Spaniens wählten, anstatt Hilfe anzubieten. Er führte auch Daten von Frontex an: Die Zahl der Illegalen, die über Spanien in die EU gelangen, ist doppelt so gering wie über Italien, obwohl Madrid das einzige Land der Union mit einer Landgrenze zu Afrika ist.
Sowohl der Brief der EU als auch die Anfrage von Sánchez fordern die Einberufung einer außerordentlichen Videokonferenz der Innenminister. Ziel des Treffens ist es, eine gemeinsame Reaktionsstrategie zu entwickeln und den Grundsatz zu festigen, dass die Überwachung der Außengrenzen eine gemeinsame Verantwortung aller Länder ist und nicht nur derjenigen, die an der Front stehen.
Ursachen des Durchbruchs: Gerüchte und Untätigkeit der Polizei
Obwohl die Krise als gelöst gelten kann, bleibt Ceuta ein Symptom für schwerwiegendere Probleme. Laut Sánchez war die Ursache für den Durchbruch das Handeln von Mafia-Gruppen, die das falsche Gerücht verbreiteten, dass illegale Migranten nicht aus Spanien abgeschoben werden könnten.
Dieses Gerücht entstand vor dem Hintergrund einer Entscheidung des Obersten Gerichtshofs Spaniens aus dem Juni, wonach die Regierung Migranten, die versuchen, auf dem Seeweg spanisches Territorium in Afrika zu erreichen, nicht sofort abschieben darf. Sánchez behauptet, die Menschen hätten das Urteil fälschlicherweise als komplettes Abschiebeverbot interpretiert, obwohl es sich nur um die Fristen des Verfahrens handelte.
Juristische Nuancen erklären jedoch nicht alle Details, insbesondere das Handeln der marokkanischen Seite. Laut einem Migranten, der der New York Times erzählte, hörte die marokkanische Polizei zu einem bestimmten Zeitpunkt einfach auf, die Grenze zu kontrollieren. „Sie sagten nur: Kommt her, kommt her“, beschrieb er das Verhalten der Beamten, die die Menge nicht aufhielten, sondern Richtung Grenze wiesen.