Der Leiter der Chersoner Oblaststaatlichen Verwaltung, Alexander Prokudin, erklärte in einem Interview mit RBC-Ukraine, dass sich die Lage in der Stadt im letzten Monat erheblich verschlechtert habe und dass die Folgen der russischen Angriffe auf die kritische Infrastruktur sich im Heizungszeitraum besonders akut bemerkbar machen könnten. Seinen Worten zufolge ist es nach der Beschädigung des Chersoner KWK-Werks (ТЭЦ) nicht mehr möglich, die Stadt im gewohnten Maßstab mit Wärme und Strom zu versorgen, und es sei unrealistisch, in diesem Winter auf einen stabilen Betrieb der Energieobjekte zu hoffen. „Im letzten Monat hat sich die Lage sehr verschlechtert. Ich denke, dass man mit erwachsenen Menschen ehrlich sprechen sollte“, betonte Prokudin und fügte hinzu, dass die Behörden nicht darauf warten wollten, dass die Stadt mit einem massiven Zusammenbruch der grundlegenden kommunalen Dienste konfrontiert wird.
Angriff auf die KWK und die Gefahr eines Winter-Zusammenbruchs
Russische Militärs beschädigten bei einem jüngsten Beschuss das Chersoner KWK-Werk – ein Schlüsselobjekt, das die Stadt mit Wärme und Strom versorgt. Cherson und die Ortschaften der Oblast werden regelmäßig von Artilleriebeschuss, Angriffen mit Lenkflugkörpern und Kampfdrohnen getroffen, wobei insbesondere die Angriffe mit FPV-Drohnen für die Zivilbevölkerung besonders gefährlich geworden sind. Vor dem Hintergrund der andauernden Angriffe warnen die Oblastbehörden die Bevölkerung vor möglichen langandauernden Unterbrechungen der Strom- und Wärmeversorgung. Prokudin präzisierte, dass es hier nicht nur um alltägliche Unannehmlichkeiten gehe: Der langanhaltende Ausfall grundlegender Dienste könne ernste Probleme für die Gesundheit und Sicherheit der Stadtbewohner schaffen, insbesondere bei den Winterfrösten.
Aufruf zur Evakuierung: „keine Panik, sondern Verantwortung“
Auf kritische Anmerkungen zum Aufruf zur Evakuierung hin betonte Prokudin, dass sein Ziel nicht darin bestehe, Panik zu schüren oder die Verantwortung auf die Bevölkerung abzuwälzen. „Die Aufgabe besteht darin, die Menschen im Voraus über mögliche Folgen zu warnen, ihnen Zeit zur Vorbereitung zu geben und zu versuchen, die Risiken zu minimieren“, erläuterte der Leiter der OWA. Er hob besonders hervor, dass die Evakuierung als Möglichkeit betrachtet werden solle, die Menschen im Voraus zu schützen, insbesondere Familien mit Kindern, denen die Behörden anbieten, in sicherere Regionen der Ukraine auszuweichen. „Vermögen oder Wände kann man wieder aufbauen, aber ein menschliches Leben ist nicht wiederherzustellen. Deshalb ist dieser Aufruf zur Evakuierung keine Panik, sondern Verantwortung“, erklärte Prokudin.
Organisation der Ausreise und Suche nach alternativen Lösungen
Den Worten des Leiters der Oblastverwaltung zufolge ist die Evakuierung aus Cherson bereits organisiert und läuft: Die Bewohner werden per Bahn und mit Kraftfahrzeugen transportiert, und andere Regionen der Ukraine sind bereit, die Stadtbewohner aufzunehmen. Gleichzeitig suchen die Oblastbehörden nach alternativen Lösungen zur Versorgung der Stadt mit Wärme und Strom, doch Prokudin erklärte offen, dass ein gewohntes Maß an Infrastrukturbetrieb nicht garantiert werden könne. „Wir verstehen, dass der Winter für Cherson maximal schwer werden kann“, fasste er zusammen und betonte, dass genau deshalb die Frage der Vorbereitung auf den Heizungszeitraum bereits jetzt in den Vordergrund gestellt werde und nicht erst nach der ersten ernsthaften Abschaltung.
Kontext: systematische Zerstörung der Energieinfrastruktur
Der Angriff auf das Chersoner KWK-Werk wurde Teil einer breiteren Kampagne zur Zerstörung der Energieinfrastruktur der südlichen Regionen der Ukraine. Wie ukrainische Medien, darunter Focus und Gazeta.ua, berichten, sind die Oblastbehörden nach der Beschädigung der Anlage zu öffentlichen Warnungen vor einem langanhaltenden Ausfall von Strom und Wärme übergegangen. Sowlidilo berichtete unter Verweis auf Angaben der OWA, dass das Objekt nach vorläufiger Einschätzung im Winterzeitraum nicht voll funktionsfähig sein werde. Zusammen mit den regelmäßigen Beschuss von Wohngebieten und den FPV-Drohnen-Angriffen bilde dies für die Bewohner Chersons eine komplexe Bedrohung, die, nach Einschätzung der lokalen Behörden, nicht allein mit den Kräften der Stadt neutralisiert werden könne.