Nach Beginn des großangelegten Krieges Russlands gegen die Ukraine stiegen die Waffenexporte Chinas in die Länder Zentralasiens laut dem Magazin The Moscow Times, auf das sich RBC-Ukraine bezieht, rasant an. Jahrzehntelang nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion blieb die Region faktisch der untergeordnete Markt Moskaus: Russland war der wichtigste und weitgehend einzige Lieferant von Militärtechnik für die ehemaligen Sowjetrepubliken. China begann laut denselben Angaben erst Ende der 2010er Jahre, eine Verteidigungszusammenarbeit mit der Region aufzubauen; als Wendepunkt bezeichnen Analysten den Februar 2022: Nach Kriegsbeginn sprachen die ehemaligen Sowjetrepubliken über die Notwendigkeit, ihre Abhängigkeit von russischen Waffen zu beenden, und Peking nutzte das sich eröffnende Fenster der Möglichkeiten rasch.

Von der russischen Monopolsituation zum chinesischen Einfluss

Der entscheidende Treiber des Lieferantenwechsels ist weniger der Preis als die geopolitische Logik der Diversifizierung. Die Länder der Region, die formal durch einen Militärbündnisvertrag mit Moskau verbunden sind, begannen, Alternativen zu suchen, um in dem Moment nicht von einer einzigen Quelle abhängig zu sein, in der genau diese Quelle in einen großen bewaffneten Konflikt verwickelt ist. China bot fertige Produkte und – was wichtig ist – langfristigen Service an: Der Kauf von Luftverteidigungssystemen und Kampfjets, wie im Artikel angemerkt wird, schafft Bindungen an einen Lieferanten, der die Technik jahre- und jahrzehntelang mit Ersatzteilen, Schulung und Unterstützung versorgen wird. Genau dieser „Eintrittspreis“ ins Verteidigungsbudget macht die chinesische Präsenz nachhaltig und nicht einmalig.

Konkrete Geschäfte: Luftverteidigung und Luftfahrt

Laut The Moscow Times kaufte Turkmenistan die Langstrecken-Luftverteidigungssysteme HQ-9 und die Mittelstreckensysteme HQ-12, Usbekistan hingegen das System FD-2000, das als Analogon zum HQ-9 beschrieben wird. Usbekistan und Kasachstan beabsichtigen laut denselben Informationen, große chinesische Systeme in ihre Luftwaffen einzuführen. Das bedeutet einen Übergang der Region von punktuellen Käufen zur Bildung vollständiger chinesischer Luftverteidigungs- und Luftfahrtstrukturen, was auf lange Sicht die Balance der Militärtechnologien im gesamten Raum Zentralasiens verändert.

Drohnen und Sicherheit an der Grenze

Neben den großen Systemen kaufen die Staaten der Region auch chinesische Kampfdrohnen der Typen Wing Loong und CH-3A. Ein eigener Block der chinesischen Präsenz ist die Finanzierung des Baus und der Entwicklung von Sicherheitsanlagen entlang der tadschikisch-afghanischen Grenze. Peking erklärt solche Investitionen mit dem Schutz eigener Transportkorridore und Investitionen in die Volkswirtschaften der zentralasiatischen Länder; in der Praxis verankert dies aber Chinas Rolle als Garant für Logistik und Sicherheit in der Region, was weit über rein kommerzielle Beziehungen hinausgeht.

Zahlen des SIPRI: Rückgang der russischen Exporte

Das Ausmaß der Marktumverteilung bestätigen die Daten des Stockholmer Internationalen Friedensforschungsinstituts (SIPRI): Der Gesamtwaffenexport Russlands sank in den Jahren 2021–2025 um 64 % im Vergleich zum Zeitraum 2016–2020, und Russlands Anteil am Wellexport fiel von 21 % auf 6,8 %. Für Zentralasien bedeutet das, dass die „leere“ Nische des russischen Lieferanten vor allem von chinesischen Produkten gefüllt wird, nicht von europäischen oder amerikanischen, die in der Region praktisch nicht vertreten sind.

Widersprüchliche Daten

In den Quellen gibt es einige Unstimmigkeiten, die im Blick behalten werden sollten. Erstens wird der Beginn der chinesisch-regionalen Verteidigungszusammenarbeit ungenau datiert: Im Ausgangstext ist von „Ende 2010“ die Rede, was sich wie das Ende der 2010er Jahre liest und nicht mit den früheren punktuellen Kontakten übereinstimmt, über die andere Beobachter schreiben. Zweitens besteht ein Widerspruch zwischen formalem Status und tatsächlichem Verhalten: Kasachstan, Kirgisistan und Tadschikistan gehören zusammen mit Russland zur Organisation des Vertrags über kollektive Sicherheit (ODKB), doch zeigt Tadschikistan laut The Moscow Times öffentlich chinesische Technik auf Paraden in Duschanbe. Das heißt, die erklärte militärpolitische Integration mit Moskau und die tatsächlichen Einkäufe bei Peking entwickeln sich parallel und sind nicht immer abgestimmt. Schließlich werden die konkreten Geschäfte (HQ-9/HQ-12 für Turkmenistan, FD-2000 für Usbekistan) über eine einzige Quellenkette genannt und durch unabhängige offizielle Erklärungen der Regionshauptstädte nicht bestätigt.

Kontext: Diplomatie und „Scheheds“

Im Zuge der Ausweitung seines Verteidigungseinflusses positioniert China sich zugleich als diplomatischer Vermittler: Im Juni riefen die Behörden der VR China öffentlich Kiew und Moskau auf, wieder an den Verhandlungstisch zurückzukehren, und beschrieb, wie sie diesen Prozess sehen. Parallel dazu, wie RBC-Ukraine zuvor berichtete, können neue Strahlversionen der Drohnen „Schehed“, die Russland für massierte Angriffe auf die Ukraine einsetzt, Geschwindigkeiten von bis zu 500 km/h erreichen, und ihr Erscheinen wird weitgehend mit chinesischen Technologien und Komponenten in Verbindung gebracht. Damit baut Peking also gleichzeitig seine Militärpräsenz in Zentralasien aus, beteiligt sich an der Diplomatie um den Krieg und beeinflusst nach Einschätzung von Beobachtern indirekt die Art der im Konflikt eingesetzten Waffen.