Jüngste geopolitische, energetische und logistische Veränderungen üben wachsenden Druck auf die Europäische Union (EU) aus. Vor diesem Hintergrund tritt die EU in eine Phase tiefgreifender strategischer Neuausrichtung ein, um mehr Selbstbestimmung und Handlungsfähigkeit in einer zunehmend unberechenbaren Welt zu sichern.
Jahrzehntelang profitierte Europa von einem relativ stabilen internationalen Umfeld. Offener Handel verschaffte Unternehmen Zugang zu globalen Märkten und Rohstoffen, und Energie konnte zu wettbewerbsfähigen Preisen von externen Lieferanten bezogen werden. In Sicherheitsfragen verließ man sich auf die NATO und die militärische Stärke der Vereinigten Staaten.
Verteidigungspolitische Neuausrichtung und der Plan Readiness 2030
Der Verteidigungsbereich verdeutlicht diesen Wandel am besten. Die EU setzt den Europäischen Verteidigungsbereitschaftsplan bis 2030 (Readiness 2030) um, der darauf abzielt, rund 800 Milliarden Euro für die Verteidigung zu mobilisieren. Von diesem Betrag stellt das Programm „Sicherheit für Europa“ (SAFE) den Mitgliedstaaten bis zu 150 Milliarden Euro an Krediten zur Verfügung.
Bemerkenswert ist nicht nur der Finanzierungsumfang, sondern auch das Ziel der EU, Verteidigungsinvestitionen in einen Motor für Europas eigene Produktionskapazitäten zu verwandeln.
Energiesektor und neue Lieferketten
Eine ähnliche Dynamik zeigt sich im Energiesektor. Die Gaskrise nach Russlands Militärojensive in der Ukraine machte deutlich, dass Handelsbeziehungen rasch zu Sicherheitsfragen werden können. Der Anteil des russischen Gases an den EU-Importen sank von rund 45 % im Jahr 2021 auf 12 % bis 2025.
Widersprüchliche Daten
Trotz des Strebens nach Unabhängigkeit gibt es Debatten über die Gefahr neuer Abhängigkeiten. Bis 2025 liefert Norwegen rund 31 % des Gases, die USA 26 %, weshalb Experten vor neuen Monopolen bei kritischen Rohstoffen warnen.