Die Integration der Ukraine in den europäischen Energiemarkt eröffnet strategische Möglichkeiten nicht nur für Kiew, sondern für die gesamte Europäische Union. Dies erklärte der Strategiechef von DTEK, Iwan Heljuch, in einer Kolumne für LIGA.net, auf die sich RBC-Ukraine bezieht. Seiner Einschätzung nach ist die Ukraine längst kein bloßer „Kandidat“ für den Beitritt zum europäischen Energieraum mehr, sondern ein vollwertiger Teilnehmer, der dem Kontinent neue Kapazitäten, Technologien, Infrastruktur und – was besonders wertvoll ist – eine einzigartige praktische Erfahrung im Management des Energiesystems unter chronischem Krisendruck bieten kann.

Chronologie: von der Synchronisation zur Vollmitgliedschaft

Ein entscheidender Schritt der Integration war die Synchronisation des ukrainischen Energiesystems mit dem kontinentalen europäischen Netz, die 2022 abgeschlossen wurde. Dieser technische Schritt machte die Ukraine de facto zu einem Teil des einheitlichen europäischen Energiekreises. Der abschließende institutionelle Schritt war die Erteilung des Statuses eines vollwertigen Mitglieds der ENTSO-E – dem europäischen Verband der Übertragungsnetzbetreiber – an „Ukrenergo“ Ende 2023. Damit befindet sich die Ukraine bis 2026 nicht mehr „an der Schwelle“ zum europäischen Markt, sondern funktioniert bereits innerhalb desselben, auch wenn, wie Heljuch betont, der nächste logische Schritt – die Vertiefung der Integration durch die Entwicklung gemeinsamer Strommärkte, die Anziehung gemeinsamer Investitionen und die Koordination der strategischen Planung – noch vor uns liegt.

Gegenseitiger Nutzen: wer wem nützt

Ein zentraler Gedanke der Kolumne Heljuchs besteht darin, dass die Zuverlässigkeit der Energieversorgung nicht mehr ausschließlich eine nationale Frage ist. In Zeiten von Erzeugungsdefiziten importiert die Ukraine Strom aus europäischen Ländern, und in Momenten, in denen benachbarte Systeme mit Einschränkungen konfrontiert sind, kann das ukrainische Energiesystem seinerseits diese stützen. Diese beidseitige Austauschbarkeit verwandelt die Integration aus der Sicht des Experten von einer einseitigen „Hilfe“ in einen vollwertigen Marktmechanismus, in dem jede Seite gleichzeitig Verbraucher und Lieferant von Zuverlässigkeit ist.

Erfahrung im Betrieb unter Druck als Wettbewerbsvorteil

Heljuch hebt als besonderen, schwer reproduzierbaren Vorteil der Ukraine ihre langjährige praktische Erfahrung im Betrieb des Energiesystems unter ständigem äußerem Druck hervor. In den letzten Jahren haben die ukrainischen Energieexperten seiner Einschätzung nach Fähigkeiten zur schnellen Anpassung des Systems an Notfallszenarien, zur Lokalisierung von Problemen und zur operativen Wiederherstellung der Energieversorgung entwickelt. Diese Erfahrung, die in den „ruhigen“ europäischen Systemen keine Entsprechung hat, macht die ukrainische Infrastruktur widerstandsfähiger und flexibler und die Ukraine selbst zu einem attraktiven Partner für die EU, die bestrebt ist, ihre eigene Energieresilienz zu erhöhen.

Konkrete Projekte von DTEK: von Speichern bis zur Windenergieerzeugung

Zur Erhöhung der Flexibilität des Energiesystems setzt DTEK eine Reihe technologischer Projekte um. Insbesondere hat die Gruppe gemeinsam mit dem US-Unternehmen Fluence sechs Energiespeichersysteme mit einer Gesamtleistung von 200 MW in Betrieb genommen. Parallel wird ein digitales Umspannwerk und ein Windkraftwerk mit einer Leistung von 500 MW errichtet. Diese Projekte zielen nach dem Konzept des Unternehmens auf den Aufbau einer modernen, digitalen und kohlenstoffarmen Energieinfrastruktur ab, die den Anforderungen des europäischen Marktes gerecht wird und gleichzeitig die innere Zuverlässigkeit gewährleistet.

Die breitere Bedeutung der Integration

„Es geht nicht nur um den Eintritt der Ukraine in den europäischen Markt, sondern auch um die Möglichkeit, Europa durch Lösungen zu stärken, die bereits heute in der Ukraine eingeführt werden“, resümiert Heljuch. Zuvor hatte DTEK-Generaldirektor Maksym Tymtschenko denselben Gedanken in kürzerer Form formuliert: Investitionen in die ukrainische Energiebranche sind auf der aktuellen Ebene de facto Investitionen in die Energiesicherheit Europas. Somit ist die Energieintegration der Ukraine und der EU im Jahr 2026 nicht länger ausschließlich ein politischer Gestus, sondern ist zu einem konkreten wirtschaftlichen und technologischen Projekt mit messbaren Parametern geworden – von Megawatt an Speichern bis zu Megawatt an Windenergieerzeugung.