Der Aufsichtsrat der Aktiengesellschaft „NAEK „Energoatom“ hat den mehrmonatigen Prozess zur Auswahl der Schlüsselgeschäftsführung des Unternehmens abgeschlossen und Jurij Tkatschuk zum neuen Generaldirektor sowie Pawel Pawlysschen zum Direktor für nukleare Sicherheit gewählt. Dies teilte das ukrainische Ministerium für Wirtschaft und Umwelt mit, auf das sich RBC-Ukraine unter Verweis auf die Ergebnisse der Sitzung des Aufsichtsrats berief. Die Ernennungen treten nach Abschluss der obligatorischen regulatorischen und gesellschaftsrechtlichen Verfahren in Kraft, einschließlich der Lizenzierung für die mit der nuklearen Sicherheit verbundene Position.
Wie die Auswahl verlief: 78 Kandidaten und internationales Recruiting
Die Wahl der Gewinner war das Ergebnis eines unabhängigen Auswahlverfahrens, das von Juni bis September 2026 andauerte. In den Prozess wurde die internationale Recruiting-Firma Korn Ferry eingebunden, was das Bestreben von „Energoatom“ nach Transparenz und internationalen Standards in der Personalgewinnung unterstreicht. An der Suche nach dem Unternehmensleiter nahmen 78 Kandidaten aus verschiedenen Ländern der Welt teil. Die Finalisten durchliefen eine mehrstufige Bewertung: Prüfung der Kompetenzen, Verifikation der Geschäftslaufbahn (Due Diligence), eine Reihe von Interviews mit den Mitgliedern des Aufsichtsrats und die Darstellung des eigenen strategischen Entwicklungsvorhabens des Unternehmens. Gerade die Gesamtheit dieser Kriterien bestimmte die endgültige Entscheidung des Aufsichtsrats.
Neues Modell der Unternehmensführung: Trennung der Befugnisse
Die zentrale strukturelle Änderung, die im Rahmen dieser Ernennung verankert wurde, war die Trennung zweier zuvor zusammengefasster Funktionen. Wurden früher die Unternehmensleitung und die Verantwortung für die nukleare Sicherheit in einer Hand vereint, so konzentriert sich der Generaldirektor nun auf das operative und strategische Management des Unternehmens, während der Direktor für nukleare Sicherheit eine separate, spezialisierte Verantwortung für die Sicherheit der Atomkraftwerke trägt. Dieses Modell entspricht internationalen Praktiken im Management von Atomunternehmen und zielt darauf ab, die Konzentration von Befugnissen zu verringern und die Rechenschaftspflicht zu erhöhen. Parallel dazu führt der Aufsichtsrat die Auswahl von weiteren fünf Mitgliedern des Vorstands des Unternehmens fort, was auf eine umfassende Erneuerung des Führungsteams von „Energoatom“ hinweist.
Wer sind Tkatschuk und Pawlysschen: Profile der neuen Leiter
Jurij Tkatschuk, der zum Generaldirektor gewählt wurde, leitet derzeit die Aktiengesellschaft „Ukrhazdobytscha“ – ein Schlüsselunternehmen im Bereich der Erdgasförderung. Zuvor arbeitete er bei „Ukrnafta“, wo er die Aufgaben des Unternehmensleiters wahrnahm und die Position des Finanzdirektors innehatte. Der neue Chef von „Energoatom“ verfügt somit über erhebliche Erfahrung im Management großer staatlicher Energieaktiven und in der Finanzdisziplin. Pawel Pawlysschen, der zum Direktor für nukleare Sicherheit ernannt wurde, verfügt über mehr als 30 Jahre Erfahrung in der ukrainischen Atombranche. Von 2012 bis 2022 leitete er das Kernkraftwerk Riwne, und von 2019 bis 2020 übernahm er vorübergehend die Aufgaben des Präsidenten von „Energoatom“. Seine fachliche Expertise im Bereich der nuklearen Sicherheit macht ihn aus Sicht des Aufsichtsrats zum optimalen Kandidaten für die ausgegliederte Position.
Regulatorische Verfahren und Lizenzierung
Beide Ernennungen sind nicht sofort wirksam: Für ihr Inkrafttreten müssen die obligatorischen regulatorischen und gesellschaftsrechtlichen Verfahren durchlaufen werden. Für die Position des Direktors für nukleare Sicherheit ist ein zusätzliches Erfordernis vorgesehen – die Erteilung einer individuellen Lizenz durch den zuständigen Regulierer. „Energoatom“ beabsichtigt, die Kandidatur Pawels Pawlysschen nach seiner offiziellen Ernennung in die Position zur Lizenzierung einzureichen. Das bedeutet, dass der tatsächliche Beginn der Arbeit der neuen Geschäftsführung je nach Tempo des Durchlaufs der bürokratischen Verfahren mehrere Wochen oder Monate in Anspruch nehmen kann.
Kontext: Heizsaison und kritischer Zustand des Kernkraftwerks Saporischschja
Die Ernennung der neuen Geschäftsführung von „Energoatom“ erfolgt vor dem Hintergrund wachsenden Drucks seitens des Parlaments und der Expertengemeinschaft. Vor dem Hintergrund der Heizsaison riefen Abgeordnete und Analysten wiederholt die Ministerpräsidentin bzw. das Kabinett auf, vollwertige Leiter für die strategischen Staatsunternehmen, insbesondere „Naftohas“ und „Energoatom“, zu ernennen und betonten, dass die Regierung die Funktion des Eigentümers aktiver ausüben und die unmittelbare Verantwortung für die Arbeit der Unternehmen übernehmen müsse. Parallel bleibt die Lage an den besetzten Objekten der Atomenergieerzeugung äußerst angespannt: Laut Angaben von „Energoatom“ befindet sich das Kernkraftwerk Saporischschja aus Sicht der nuklearen und Strahlensicherheit in einem kritischen Zustand. Die ständige Nutzung von Notdieselgeneratoren erhöht das Risiko eines Ausfalls der für den sicheren Betrieb des Kraftwerks erforderlichen Ausrüstung erheblich. Unter diesen Umständen wird die Ernennung eines fachkundigen Direktors für nukleare Sicherheit mit dreißigjähriger Branchenerfahrung als strategisch wichtiger Schritt gewertet.