Satellitenbeobachtungen haben gezeigt, dass sich die Form der Erde weiter verändert und das Tempo dieses Prozesses zunimmt. Laut einer Studie, die im wissenschaftlichen Fachblatt Journal of Geophysical Research: Solid Earth veröffentlicht wurde, heben sich die Polregionen des Planeten etwa doppelt so schnell wie vor zwei Jahrzehnten, während die äquatoriale Zone hingegen absinkt. Dies berichtet RBC-Ukraine unter Verweis auf die Ergebnisse von Geologen, die mehrjährige Daten des globalen Satellitennavigationssystems analysierten.

Satelliten haben die Beschleunigung festgehalten

Zur quantitativen Bewertung der vertikalen Bewegung der Erdkruste verwendeten die Forscher Daten des globalen Satellitennavigationssystems (GNSS), die über den Zeitraum von 1997 bis 2015 gesammelt wurden. Gerade dieser Zeitraum ermöglichte es, nicht nur die Verschiebung festzuhalten, sondern auch ihre Dynamik zu verfolgen: Die Geschwindigkeit des Anstiegs der Polregionen war doppelt so hoch wie zu Beginn der Beobachtungen. Das bedeutet, dass ein Prozess, der früher als langsam und gleichmäßig galt, an Tempo gewinnt.

Warum die Pole sich heben

Die Erde ist an sich keine perfekte Kugel: Durch die Rotation um ihre eigene Achse ist der Planet an den Polen leicht abgeflacht und am Äquator erweitert. Zu dieser rotationsbedingten Komponente kommt der Effekt der gravitativen Last hinzu. Die massiven Gletscher Grönlands und der Antarktis drückten seit Jahrhunderten mit ihrem gewaltigen Gewicht auf die Erdkruste. Während sie schmelzen, verschwindet diese Last, und die Kruste erholt sich ähnlich wie eine entlastete Feder und hebt sich allmählich. Die Wissenschaftler schreiben genau diesem Mechanismus den beschleunigten Anstieg der Polregionen zu.

Das Paradoxon des Geoids

Am überraschendsten war das Verhalten der gravitativen Form der Erde – des Geoids. Während der feste Boden dort, wo das Eis verschwand, ansteigt, verhält sich das Geoid „umgekehrt“: Es wird abgeflachter. Die Wissenschaftler erklären dieses scheinbare Paradoxon durch die Umverteilung der Masse. Das Schmelzwasser von den Polen fließt in die Ozeane und verschiebt sich näher zu den niedrigeren Breiten. Die feste Kruste wird entlastet und hebt sich, aber die Masse des verschobenen Wassers erzeugt zusätzlichen Druck auf den Meeresboden in der äquatorialen Zone und zwingt sie zum Absinken. Somit verlaufen zwei Prozesse – der Anstieg des Landes und die Veränderung des Gravitationsfeldes – parallel, aber in unterschiedlichen „Richtungen“.

Was das für die Wissenschaft bedeutet

Das Hauptergebnis der Studie besteht darin, dass zum Verständnis globaler Prozesse auf dem Planeten nicht nur die Gravitation oder nur die Bewegung der Oberfläche analysiert werden darf – diese beiden Phänomene sind eng und untrennbar miteinander verbunden. Die Veränderung der Erdform wird zu einem anschaulichen Indikator dafür, wie das Schmelzen der Gletscher die Masse im planetaren Maßstab umverteilt. Für Geologen und Klimatologen bedeutet dies, dass GNSS-Daten, Gravimetrie und Modelle des Wasservertransports in ein einziges Bild zusammengeführt werden müssen, um zukünftige Veränderungen des Reliefs und des Meeresspiegels genau zu prognostizieren.