In der wissenschaftlichen und technologischen Szene wird ein ungewöhnlich radikaler Vorschlag zur Bekämpfung des Klimawandels diskutiert: Der Microsoft-Computeringenieur Andy Gaverly, der zum Zeitpunkt der Formulierung der Idee am Rochester Institute of Technology promoviert, schlug vor, eine extrem leistungsstarke Kernladung auf dem Meeresboden zu zünden. Das Ziel ist nicht, Schaden zu verursachen, sondern im Gegenteil den Planeten zu „retten“, indem man die Meeresgesteine sofort zermahlt und so die natürliche Bindung von Kohlendioxid beschleunigt. Wichtig ist sofort anzumerken: Der Autor hat kein Fachstudium in Klimatologie oder Kernphysik, und all seine Berechnungen bleiben persönliche und haben kein wissenschaftliches Peer-Review durchlaufen.
Der Kern des Vorschlags: beschleunigte Verwitterung von Gesteinen
Als Grundlage für Gaverrys Konzept diente eine bekannte wissenschaftliche Methode – die verstärkte Gesteinsverwitterung (enhanced rock weathering). Alkalische Gesteine, darunter Basalt, reagieren auf natürlichem Weg mit dem in Meerwasser gelösten Kohlendioxid und binden es zuverlässig in stabile Mineralien. Laut den Daten, auf die sich der Autor beruft, absorbieren die Ozeane bereits heute auf diese Weise etwa 30 Prozent der anthropogenen Emissionen, und das mechanische Zermahlen von Basalt könnte diesen Prozess erheblich beschleunigen. Da das industrielle Zerkleinern von Gestein in globalem Maßraum enorme Zeit- und Energiekosten erfordert, schlug der Ingenieur vor, diese durch einen einzigen mächtigen Kernangriff auf den Meeresboden „einzusparen“.
Berechnungen und Maßstab: tausendmal stärker als die „Zar-Bombe“
Laut Gaverrys Schätzungen wäre für die Bindung einer Kohlenstoffmenge, die 30 Jahren globaler Emissionen entspricht, eine Explosion mit einer Leistung von etwa 81 Gigatonnen TNT-Äquivalent erforderlich. Zum Vergleich: Die stärkste je in der Geschichte geprüfte Kernwaffe – die sowjetische „Zar-Bombe“ – hatte eine Leistung von etwa 50 Megatonnen. Der vorgeschlagene Ladung müsste also etwa 1.000-mal stärker als die „Zar-Bombe“ sein. Die Ladung soll, so der Plan des Autors, in einer Tiefe von mehreren Kilometern unter dem Kerguelen-Plateau im Südatlantik verlegt werden; die Dicke von Wasser und Gestein könnte, so seine Meinung, die Hauptstrahlung dämpfen. Gaverly selbst bewertet die freigesetzte Strahlung als im Vergleich zu normalen Kohlekraftwerken geringfügig, und die Projektkosten auf etwa 10 Milliarden Dollar, was nach seiner Logik deutlich billiger ist als der wirtschaftliche Schaden durch den Klimawandel.
Historischer Kontext: das Projekt Plowshare
Die Idee hat einen historischen Präzedenzfall. In den USA gab es früher das Projekt Plowshare, im Rahmen dessen die Nutzung „friedlicher“ Kernexplosionen für ingenieurtechnische Aufgaben, einschließlich der Kanalbauten, untersucht wurde. Doch keine dieser Prüfungen erreichte auch nur annähernd die von Gaverly vorgeschlagenen Maßstäbe, und die moderne Risikobewertung von Kernexplosionen unterscheidet sich grundlegend von den Vorstellungen der Mitte des 20. Jahrhunderts.
Kritik der wissenschaftlichen Gemeinschaft
Die wissenschaftliche Gemeinschaft reagierte scharf ablehnend auf den Vorschlag. Der Dozent für Stabilitätsforschung an der Universität Lund, Wim Carton, bemerkte, dass das Konzept frühe „unvernünftige“ Geoengineering-Pläne der Mitte des letzten Jahrhunderts kopiert, und angesichts des modernen Wissens über die Folgen von Kernexplosionen sind solche Pläne noch gefährlicher. Andere Forscher bezweifeln zusätzlich die tatsächliche Geschwindigkeit der Kohlenstoffbindung durch Basalt. Vollständig offen bleiben die Fragen der Strahlungsabschirmung, des ökologischen Schadens für den Ozean, der Einhaltung internationaler Verträge zum Verbot von Kernwaffenversuchen und der tatsächlichen Wirksamkeit einer solchen Explosion.
Widersprüchliche Daten
In den Quellen und Aussagen der Beteiligten finden sich direkt gegensätzliche Bewertungen. Einerseits behauptet der Autor der Berechnungen, dass die Strahlung nach Maßstäben der Kohleenergie geringfügig sein werde und die Kosten von 10 Milliarden Dollar im Vergleich zum Schaden durch den Klimawandel rentabel seien. Andererseits betonen unabhängige Wissenschaftler, dass die Berechnungen nicht begutachtet wurden, die Geschwindigkeit der Kohlenstoffmineralisierung durch Basalt in den angegebenen Maßstäben nicht bestätigt ist und die Fragen der Strahlensicherheit, der Ozeanökologie und der Legalität gemäß den Versuchsverboten ungelöst bleiben. Somit existiert der Vorschlag als dokumentierte öffentliche Initiative, jedoch wird seine wissenschaftliche Begründetheit und Sicherheit von Experten bestritten und nicht bestätigt.