Der estnische Premierminister Kristen Michal hat in einem Interview mit Politico die scharfe Erklärung abgegeben, dass Europa nicht die Rolle eines Vermittlers bei potenziellen Verhandlungen mit der russischen Führung übernehmen sollte. Seiner Ansicht nach könnte die Eröffnung eines direkten diplomatischen Kanals zum Kremlin die Position der europäischen Länder schwächen und die geschlossene Linie des Drucks auf Moskau untergraben. «Europa sollte nicht die Position eines Vermittlers einnehmen. Man muss nicht die Rolle dessen übernehmen, der versucht, sich einem Diktator anzubiedern», betonte Michal und fügte hinzu, dass die Verantwortung für den Krieg ausschließlich bei der russischen Führung liege: «Das Problem sitzt im Kreml. Nirgendwo sonst».
Wirtschaftliche «Eرسirkung» (Erstickung) als funktionierende Strategie
Der estnische Premier ist überzeugt, dass die aktuelle Strategie des wirtschaftlichen Drucks auf Russland Wirkung zeigt und fortgesetzt werden muss. «Zum ersten Mal hat Europa einen wirklich funktionierenden Plan – die wirtschaftliche Erstickung Russlands durch Sanktionen», erklärte er. Michal warnte, dass die Bereitschaft zur Vermittlung unweigerlich zu einer Senkung der Standards führen werde: «Vermittler zu sein bedeutet, bereit zu sein, Standards zu senken – zum Beispiel in Bezug auf Russland, insbesondere bei der Verhängung und Durchsetzung von Sanktionen». Seiner Logik nach sind die gleichzeitige Unterstützung der Ukraine, die Verschärfung des Sanktionsregimes und Versuche diplomatischer Vermittlung daher unvereinbar.
Hybride Bedrohungen und Visabeschränkungen
Ein eigener Abschnitt von Michals Erklärung galt dem hybriden Krieg, den Russland seiner Einschätzung nach auf europäischem Boden führt. Der Premier wies darauf hin, dass Moskau die Freizügigkeit russischer Bürger im europäischen Raum für Sabotageoperationen und andere feindselige Handlungen nutzt. «Man darf solchen Leuten nicht erlauben, sich frei in Europa zu bewegen. Beschränken Sie deshalb die Visavergabe», forderte er und sprach sich de facto für eine Verschärfung der Visapolitik gegenüber russischen Staatsbürgern auf kontinentaler Ebene aus.
Kontext: Wer und in welchem Format das diplomatische Spiel führt
Michals Äußerung erfolgte vor dem Hintergrund reger diplomatischer Aktivitäten zur Konfliktlösung. Wie zuvor berichtet wurde, erwägen europäische Führungspersönlichkeiten fünf Politiker, die Europa potenziell in Verhandlungen mit Wladimir Putin vertreten könnten. In Washington wiederum gelten Deutschland, Frankreich und das Vereinigte Königreich (das sogenannte E3-Format) als die wahrscheinlichsten Teilnehmer an Verhandlungen zur Beendigung des Krieges. Die Administration von US-Präsident Donald Trump unternimmt eigene Bemühungen zur Erreichung eines Friedensabkommens, was Michal zurückhaltend kommentierte: Europa schätze die diplomatischen Bemühungen Washingtons, doch der Hauptdruck müsse sich genau gegen Russland richten.
Moskaus Position und Format-Diskrepanzen
Die russische Seite ist vorliegenden Daten zufolge nicht an der Anwesenheit der EU am Verhandlungstisch zur Ukraine interessiert. Gleichzeitig betonen europäische Politiker, dass jegliche Verhandlungen zur Beendigung des Krieges ohne die Teilnahme der Ukraine und Europas unmöglich sind. So bildet sich um das Format und die Zusammensetzung des Verhandlungsprozesses eine anhaltende Diskrepanz der Positionen heraus: Moskau strebt ein bilaterales oder begrenztes Format an, Europa besteht auf der Einbeziehung in den Prozess, und innerhalb des europäischen Lagers selbst werden Diskussionen darüber geführt, in welcher Rolle – als Teilnehmer oder Vermittler – der Kontinent präsent sein soll. Kristen Michals Erklärung fixiert die härteste Position in diesem Streit: Von Europa wird keine diplomatische Vermittlung verlangt, sondern konsequenter Sanktionsdruck und militärische Unterstützung für Kiew.