EU-Kommissar für Wirtschaftsfragen Valdis Dombrovskis hat im Interview mit der Agentur Euractiv offen eingeräumt, dass in der Europäischen Union eine „bestimmte Ermüdung' gegenüber der jahrelangen Verschärfung der Sanktionen gegen Russland wachse. Gleichzeitig betonte er, dass dieser Zustand überwunden werden müsse, um einen Sieg Moskaus im Krieg gegen die Ukraine zu verhindern. Nach Angaben des Beamten sei das Gefühl der Ermüdung nach fast fünf Jahren des Konflikts verständlich, jedoch blieben die Verpflichtungen der EU gegenüber Kiew unverändert: die Ukraine zu unterstützen und Russland „so lange unter Druck zu setzen, wie es nötig ist'.
Kontext: der Fall Usmanow und Fridman
Dombrovskis' Aufruf kam vor dem Hintergrund einer vielbeachteten Entscheidung der EU, die russischen Oligarchen Alisher Usmanow und Michail Fridman aus den Sanktionslisten zu streichen. Die Initiative wurde von Frankreich vorangetrieben, das die Aufhebung der Beschränkungen durchsetzte. Lettland, das die Entscheidung zuvor blockiert hatte, zog sein Veto unter Druck aus Paris schließlich zurück. Die Situation wurde exemplarisch: Für die Annahme oder Änderung von Sanktionsmaßnahmen der EU ist ein einstimmiger Beschluss aller 27 Mitgliedstaaten erforderlich, was den Prozess äußerst anfällig für Lobbying-Druck einzelner Hauptstädte macht.
Reform des Sanktionsmechanismus: möglich, aber nicht schnell
Vor diesem Hintergrund fragten Journalisten Dombrovskis, ob die Möglichkeit geprüft werde, den Mechanismus der Sanktionsverabschiedung selbst zu ändern, um die Einstimmigkeitsanforderung zu beseitigen. Der EU-Kommissar bestätigte, dass diese Idee tatsächlich diskutiert werde — auch in Deutschland und unter Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen. Er warnte jedoch: Eine schnelle Reform sei unmöglich. Zur Änderung des Verfahrens seien Änderungen der EU-Verträge erforderlich, deren Ratifizierung ihrerseits die einstimmige Zustimmung aller 27 Staaten erfordere. Der Widerspruch bestehe also darin, dass zur Abschaffung der Einstimmigkeitsregel selbst Einstimmigkeit nötig sei.
„Sie müssen gestoppt werden'
Am Ende des Interviews zog Dombrovskis eine scharfe Schlussfolgerung: Unter den gegenwärtigen Bedingungen sei der „einzige Weg, den Druck auf Russland zu erhöhen'. Er betonte, dass die europäischen Länder politischen Willen für die weitere Unterstützung der Ukraine und die Steigerung des wirtschaftlichen Drucks auf Moskau demonstrieren müssten. „Es ist klar, dass Putin und Russland nicht von selbst aufhören werden. Sie müssen gestoppt werden', fasste der EU-Kommissar zusammen und rief damit de facto Brüssel dazu auf, nicht auf die Tricks des Kremls hereinzufallen, der nach seinen Worten gezielt auf Spaltung und Schwächung des Sanktionsregimes abziele.
Widersprüchliche Angaben
In den vorliegenden Quellen wurden keine wesentlichen Abweichungen in Daten, Zahlen oder Einschätzungen festgestellt. Alle vier überprüften Medien (RBC-Ukraine, Eurointegration, UNN, RBC) geben den Inhalt der Erklärung Dombrovskis und die Umstände des Falls Usmanow–Fridman einheitlich wieder. Einziger Nuancenunterschied: Die Formulierung „fast fünf Jahre Krieg' ist für September 2026 korrekt (der Konflikt begann im Februar 2022), in einigen Quellen liegt der Schwerpunkt jedoch auf dem „jahrelangen' Druck, was stilistisch, aber nicht faktisch vom Haupttext abweicht.