Stellen Sie sich eine Frau vor, die ihr halbes Leben einem Beruf gewidmet hat. Sie verfügt über tiefgreifendes Wissen, kann komplexe Entscheidungen treffen und Verantwortung für andere übernehmen. Dieser Erfahrungsschatz wurde über Jahre hinweg angesammelt. Doch sobald sie ihren Job verliert oder über einen Wechsel nachdenkt, taucht eine beunruhigende Frage im Kopf auf: »Wer braucht mich jetzt?«
Gestern hielt sie sich noch für einen gefragten Experten, doch heute scheint ihre eigene Erfahrung der Beweis dafür zu sein, dass sie zu lange an einem Ort feststeckte. Das Alter, das früher ein Vorteil war, wird zum Marker dafür, dass sie für einen neuen Start »zu alt« ist.
Statistik gegen Intuition
Man könnte diese Ängste auf schlechte Laune schieben, doch Altersdiskriminierung ist ein reales Problem auf dem Arbeitsmarkt. Daten, die von der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) zusammengefasst wurden, zeigen eine harte Realität: Bewerber in höherem Alter erhalten durchschnittlich 34 % seltener eine Jobzusage, selbst wenn sie über die gleiche Qualifikation wie jüngere Kandidaten verfügen.
Für Frauen verschärft sich die Situation durch das Aufeinanderprallen von Geschlechterstereotypen. Sie werden nicht nur nach ihren beruflichen Fähigkeiten beurteilt, sondern auch durch die Brille dessen, »wie eine Frau« in einem bestimmten Alter sein sollte.
Das Paradoxon des ukrainischen Marktes
Die Situation in der Ukraine erscheint besonders widersprüchlich. Vor dem Hintergrund von Krieg, Migration und demografischer Krise melden Arbeitgeber massenhaft einen Mangel an Fachkräften. Dennoch verhält sich ein Teil des Marktes so, als wären Frauen nach 45–50 Jahren keine Ressource, sondern eine Risikokategorie. Tatsächlich wird Erfahrung genau in dem Moment ausgeschlossen, in dem das Land sie am dringendsten benötigt.
Innere Altersdiskriminierung: Die Falle des Denkens
Doch laut der Moderatorin und Coachin Olga Hrytsyk gibt es noch eine heimtückischere Form der Diskriminierung – die selbstgerichtete oder innere Altersdiskriminierung. Studien der Weltgesundheitsorganisation bestätigen: Externe Stereotype werden oft Teil unseres eigenen Denkens.
Infolgedessen schließen wir uns selbst vom Wettbewerb um Chancen aus. Nicht, weil wir es versucht und gescheitert sind, sondern weil wir uns im Voraus als ungeeignete Kandidaten betrachten. Schon ein oder zwei misslungene Vorstellungsgespräche reichen aus, um zu glauben, dass das Problem nicht beim Arbeitgeber, sondern im Alter liegt.
Der Preis der Kompetenz
Es gibt noch einen weiteren Grund für Selbstbeschränkung. Nach vielen Jahren der Arbeit sind wir so an unsere eigene Kompetenz gewöhnt, dass wir sie nicht mehr als Wert wahrnehmen. Darüber hinaus erzeugt Erfahrung, die eigentlich Sicherheit geben sollte, oft Vorsicht.
Je mehr Krisen und schwierige Situationen man durchlebt hat, desto schärfer werden die Risiken wahrgenommen. Diese Vorsicht hilft zwar zweifellos bei der Treffen weiser Entscheidungen, verwandelt sich jedoch unbemerkt in eine Barriere, die den Start von etwas Neuem behindert.
Das Denken zu ändern ist kein Allheilmittel, aber ein Weg, nicht nach den Regeln der Altersdiskriminierung zu spielen. Die Hauptaufgabe besteht darin, Fakten von Prognosen zu trennen. Vielleicht liegt das Problem nicht im Wort »brauchen«, sondern im Wort »jetzt«.