Im ukrainischen und russischen Telegram-Segment ist in den letzten Tagen ein regelrechter Informationskrieg um die Marschflugkörper FP-5 „Flamingo“ entbrannt. Anlass war ein Zitat von Irina Terech, der Geschäftsführerin der Rüstungsfirma Fire Point, in der sie Haushaltszubehör und Baumärkte der Kette „Epizentr“ im Kontext der Senkung der Kosten für Langstreckenwaffen erwähnte. Clickbait-Seiten und Propagandakanäle rissen den Satz sofort aus dem Kontext und verpackten ihn in einen sensationellen Narrativ: Demnach würden ukrainische Raketen „auf Türscharnieren aus dem Epizentr“ gehalten, weshalb russische Angriffe auf Einkaufszentren dieser Kette (einschließlich der jüngsten Treffer in Odessa) angeblich eine „Suche nach Motorzubehör“ seien. In Wirklichkeit liegt hier ein klassisches Beispiel vor, wie professioneller Humor in Kriegszeiten zu einem viralen Fake über „günstiges“ Raketenbauwesen wird.
Ein Witz, der zum Volk durchdrang
Die Mechanik des Fakes ist einfach und beunruhigend effektiv. Eine einzige Metapher, die in einem Interview mit einer Fachzeitschrift geäußert wurde, durchläuft innerhalb weniger Stunden den Weg von einer „interessanten Details“ zu einer „sensationellen Enthüllung“. Einige Kanäle stellen Terechs Worte als direktes Eingeständnis dar: Demnach werde das strategische Raketenbauwesen aus Baumärkten beliefert, und auf gewöhnlichen Türscharnieren hielte der Deckel des Kampfmotors. Andere fügen eine „logische“ Verknüpfung hinzu: Wenn die Teile im „Epizentr“ gekauft werden, seien die Angriffe auf diese Einkaufszentren angeblich eine gezielte Jagd nach Komponenten. Keine dieser Versionen hält dem Vergleich mit der Originalquelle stand, doch genau sie erzielen die größte Reichweite, weil sie gleichzeitig zwei Schmerzpunkte treffen – den Skeptizismus gegenüber ukrainischen Waffen und die Rechtfertigung von Angriffen auf zivile Objekte.
Was Irina Terech tatsächlich sagte
Die Faktenprüfung zeigt: Das Zitat ist teilweise wahr, aber seine Interpretation ist grundlegend falsch. Irina Terech hat tatsächlich dem Fachmedium dev.ua einen Kommentar gegeben, in dem sie Haushaltszubehör erwähnte. Allerdings hat sie nie behauptet, dass der „Epizentr“ die offizielle Belieferungsbasis des strategischen Raketenbauwesens sei, geschweige denn, dass auf Türscharnieren der Deckel des Kampfmotors hielte. Der Kern ihres Kommentars war ein anderer: Die Firmenchefin erklärte die Philosophie der Entwicklung ukrainischer Langstreckenwaffen. Zur Senkung der Kosten und Beschleunigung der Produktion verwenden die Ingenieure von Fire Point zivile, auf dem Markt leicht verfügbare Komponenten – aber streng dort, wo dies absolut sicher ist und keine Auswirkungen auf Aerodynamik oder ballistische Eigenschaften hat. Der Satz über „Scharniere aus dem Epizentr“ war eine Metapher für die Verfügbarkeit von Teilen „jetzt und hier“ im Gegensatz zur mehrmonatigen Bürokratie von Bestellungen aus den USA, und keine technische Beschreibung der Raketenkonstruktion.
„Flamingo“: keine Stöcke, sondern Verbundwerkstoffe und Roboter
Der Versuch, Angriffe auf zivile Einkaufszentren mit der „Raketenherstellung aus Zubehör“ zu verknüpfen, ist eine Manipulation, die einer technischen Analyse nicht standhält. Die FP-5 „Flamingo“ ist ein hochkomplexer, hochtechnologischer Langstrecken-Marschflugkörper (bis zu 3000 km), der Geschwindigkeiten von bis zu 950 km/h erreichen kann. Fire Point hat einen technologischen Durchbruch erzielt, indem es ein Verbundwerkstoff-Flügel einführte, der den Produktionszyklus dieses Bauteils von sieben Tagen auf zwei Stunden verkürzte. Die Raketen sind mit fortschrittlichen Turbojetmotoren, Kohlenstoffwicklung ausgestattet und werden auf robotergesteuerten Linien montiert. Solche Systeme lassen sich nicht „auf dem Knie“ aus Baumarkt-Materialien herstellen. Darüber hinaus baut das Unternehmen laut Brancheninformationen eine große Fabrik zur Herstellung von festem Raketentreibstoff im Wert von rund 150 Millionen Euro in Dänemark – auf NATO-Territorium –, um die Produktion vollständig vor russischen Beschuss zu schützen. Dies ist nicht das Verhalten eines Unternehmens, dessen Waffe „auf Scharnieren gehalten wird“, sondern eine Strategie zum Schutz kritischer Produktionen.
Widersprüchliche Daten
Hier ist es wichtig, zwei Bereiche der Unstimmigkeit ehrlich zu betrachten. Der erste – die Interpretation des Zitats selbst. Befürworter des Fakes lesen Terechs Worte wörtlich: Die Teile für die Raketen würden angeblich im „Epizentr“ als offizieller Lieferant eingekauft. Befürworter der Faktenprüfung (und die Logik der Aussage selbst) behaupten, dass dies eine Metapher für die Verfügbarkeit kommerzieller Komponenten im Rahmen des COTS-Konzepts sei, und keine Beschreibung der Lieferkette des Kampfmotors. Beide Seiten beziehen sich auf dasselbe Interview, ziehen aber entgegengesetzte Schlüsse – und genau diese Lücke hat den viralen Narrativ erzeugt. Der zweite Bereich der Widersprüche betrifft die technologische Basis der Rakete selbst. Die ukrainische Seite und Fachmedien betonen die bahnbrechenden Lösungen von Fire Point – Verbundwerkstoff-Flügel, neuer Turbojetmotor, robotergesteuerte Montage. Gleichzeitig behauptet das Medium WSJ, unter Berufung auf eigene Quellen, dass die „Flamingo“ in erheblichem Maße auf sowjetischen Technologien basieren. Diese beiden Versionen schließen sich nicht unbedingt gegenseitig aus – moderne Raketen werden oft auf der Grundlage bewährter Konstruktionslösungen gebaut, die für neue Materialien und Elektronik modernisiert wurden –, doch im öffentlichen Raum werden sie als Gegensätze dargestellt, was den Informationslärm zusätzlich anheizt.
COTS: Warum „zivile“ Teile ein weltweiter Standard sind
Die Ironie der Situation besteht darin, dass die Verwendung von Haushalts- und kommerziellen Komponenten in Kampfausrüstung keine ukrainische Exotik ist, sondern ein weltweiter Trend, der im Westen als COTS-Konzept (Commercial Off-The-Shelf) bezeichnet wird. Die Ukraine ist hier nicht einzigartig: Von Chips aus der Konsumelektronik bis hin zu GPS-Trackern für Autos – zivile Lösungen finden seit langem und in großem Umfang Anwendung in modernen Waffen. Während westliche Rüstungsriesen jahrelang die Lieferung jeder Schraube über mehrstufige Verträge abstimmen, nutzen ukrainische Ingenieure bewusst alle verfügbaren kommerziellen Lösungen, damit die Waffen in einem ununterbrochenen Strom an die Front gelangen. Dies ist kein „günstiges Raketenbauwesen“, sondern eine flexible Ingenieursstrategie, die eine Skalierung der Produktion unter Kriegsbedingungen ermöglicht.
Warum Einkaufszentren bombardiert werden
Die Antwort auf die Frage, warum die russische Armee Angriffe auf die Baumärkte „Epizentr“ – in Charkiw, Odessa und anderen Städten – führt, liegt im Bereich der Militärstrategie, nicht der Raketentechnologie. Dies ist ein Element der Taktik des „Infrastruktur-Terrors“ und der gezielten Zerstörung großer Logistikzentren, die die Lebensfähigkeit der Städte und die Arbeit des Hinterlandes sicherstellen. Mit dem mythischen „Suchen nach Motorzubehör“ haben diese Angriffe nichts zu tun. Der „Epizentr“ bleibt ein ziviler Einkaufszentrum, und seine Zerstörung ist ein weiteres Kriegsverbrechen. Der Fake über die „Scharniere aus dem Epizentr“ ist gerade deshalb gefährlich, weil er versucht, diesen Angriffen eine pseudo-rationale Rechtfertigung zu geben und gleichzeitig die ukrainische Rüstungsproduktion zu demütigen. Die Faktenprüfung bringt die Situation jedoch in die Realität zurück: „Flamingo“ ist Verbundwerkstoff, Turbojetmotoren und robotergesteuerte Linien, und keine Türscharniere aus dem Baumarkt.